Dienstag, den 10. Oktober 2017 um 21:05 Uhr
Autor: Da_Wolf

Woolim, des Führers neuer Tablet-PC

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Kim Jong Un mit Tablet-PC

Trotz aller lähmenden westlichen Sanktionen entwickelte man in Nordkorea einen ersten Tablet-PC. Dabei wurde tatsächlich ganze Arbeit geleistet und an beinahe alles gedacht – besonders in Fragen der Sicherheit.


Originalbeitrag in voller Länge:
http://mothersdirt.net/2017/10/10/woolim-des-fuehrers-neuer-tablet-pc/



Es ist eines der ärmsten und wirtschaftlich rückständigsten Länder Welt, in denen die Bürger täglich mit einer vom Staat installierten, unsichtbaren Gefahr konfrontiert werden. Während Elektronikriesen wie Samsung und Apple den Weltmarkt mit der immer neuesten Unterhaltungselektronik beliefern, verfügt der nordkoreanische Durchschnittsbürger nicht einmal über eines dieser Geräte. Praktisch fehlt es in diesem Land an beinahe allem. Ausgenommen einer alles lähmenden Paranoia. Und ausgerechnet dieses Land drängt mit dem „Woolim Tablet“ (울림) auf den dort einheimischen Markt, um die, die es sich leisten können Zugang zur staatlichen Unterhaltung zu verschaffen. Unterhaltung in einem Überwachungsstaat, deren Kontrollmechanismen selbst die schlimmsten Befürchtungen von George Orwells 1984 übertreffen.

In Nordkorea oder auch DPRK genannt (Democratic People’s Republic of Korea), ist das Wort Freiheit und Selbstbestimmung mit der Staatsgründung nach dem Koreakrieg aus den Köpfen der Bevölkerung gestrichen worden. Mit einer allen Lebensbereichen umfassenden Überwachung wird jeder mögliche Widerstand des Volkes im Keim erstickt, um ein System aus Angst und Wahn am Leben zu erhalten. Selbst den mächtigen Geheimdiensten bleiben die genauen Vorgänge in Nordkorea verwehrt. Es sind oft Kleinigkeiten, die uns einen Einblick in die Vorgänge des wohl abgeschottetsten Staates der Welt gewähren.

Bereits im Jahr 2015 wurde von Florian Grunow, Niklaus Schiess und Manuel Lubetzki der IT-Sicherheitsfirma ERNW das nordkoreanische Betriebssystem Red Star OS für rund einen Monat lang analysiert und anschließend der Öffentlichkeit vorgestellt. Hat es in der 2. Version noch sehr an die Betriebsoberfläche von Windows erinnert, könnte man die Nachfolgeversion für einen Mac OS X-Klon halten. Zumindest auf den ersten Blick. Schon damals wurden verschiedenste Kennzeichen für eine Adaptierung in der Dateicodierung und den Überwachungseinstellungen entdeckt. Diese von den Experten als „Dead-Codes“ bezeichnet, öffneten Tür und Tor für weitere Spekulationen.

Viele der damals aufgeworfenen Fragen konnten bereits ein Jahr darauf gelüftet werden, als eben dieses Team die Möglichkeit bekam einen dieser Tablet-PCs ausgiebig zu testen und anschließend auf dem „Chaos Communication Congress (33C3)“ des Chaos Computer Clubs (CCC) zu präsentierten. Infolge der medialen Aufmerksamkeit, die ihnen nach der Präsentation von Red Star OS zu teil wurde, bekamen sie als Erste ein funktionstüchtiges Gerät über einen Mittelsmann einer südkoreanischen NGO ausgehändigt. Zur Wahrung der Anonymität wurden keinerlei Informationen über die Kontaktperson oder dem näheren Ursprung des Gerätes der Öffentlichkeit bekannt gegeben.

China macht es möglich

Wie schon erwähnt handelt es sich bei dem autoritär regierten Nordkorea nicht nur um eines der ärmsten, sondern um das wohl abgeschottetste Land der Welt. Unter diesen Voraussetzungen würde normalerweise niemand die nächste große Elektronikschmiede für den globalen Weltmarkt vermuten. Unwahrscheinlich? Nein, eher unmöglich!

Wirft man einen Blick unter das Gehäuse des Woolim oder Ul-rim getauften Tablets, entdeckt man nichts Weiteres als Technik Made in China. Das in China von der Firma Shenzhen Hoozo Electronics gehandelte Gerät hat als Betriebssystem den Weltmarktführer Android und wird dort unter den Namen Z100 verkauft. Laut Herstellerseite wurde der Tablet-PC für umgerechnet 180 bis 260€ verkauft. Ein Preis, der für die verbaute Technik durchaus günstig erscheint, aber für die Durchschnittsbürger in Nordkorea sicherlich die finanziellen Möglichkeiten sprengt. Es ist ohnehin viel wahrscheinlicher, dass zur Zielgruppe privilegierte Bürger und hochrangige Militärangehörige des Landes gehören.

„Die Kunden dieses Tablets müssen Geld haben, daher schätze ich nicht, dass die gewöhnliche Arbeiterklasse damit angesprochen werden soll.“

-Aussage des IT-Experten Florian Grunow (frei ins Deutsche übersetzt).

Aber was macht den Tablet-PC nun so besonders und warum wird er nur in Nordkorea vertrieben? Die Technik, sozusagen der Rahmen der Software(-architektur) könnte theoretisch von jedem anderen Hersteller stammen. Zweifellos ist die Programmierung das Herzstück des Gerätes, die gezielt auf den protektionistischen Wahn des Landes abgestimmt wurde. Oberstes Gebot: Nichts Fremdes soll auf die Festplatte kommen und auch nichts unkontrolliert das Gerät wieder verlassen können.

Überwachung zum Schutze des Bürgers

Da es sich bei dem Z100 bereits um ein älteres Modell handelt, sind die Informationen bezüglich der verbauten Hardwarekomponenten nur spärlich verfügbar. Betrieben wird der Tablet PC von einem Allwinner A33 [ARMv7] SoC (System On A Chip) mit einem acht Gigabyte Flash-Speicher, der mit einer SD-Karte erweitert werden kann und verfügt an der Gehäuseseite über einen Micro-SD Anschluss sowie eine Buchse für das Ladekabel. Ganz im Gegenteil zum Z100 in China, hat die in Nordkorea als Woolim vertriebene Version keinerlei sonstige Kommunikationsschnittstellen. Einzig über Adapter können weitere Funktionalitäten des Gerätes erschlossen werden. Dazu gehören dem Herstellervideo zufolge ein USB-Modem, WiFi, LAN und DVB-T. Darüber hinaus verfügen scheinbar mehrere, oder zumindest eine der vier verschiedenen Ausführungen des Woolim-Tablets die Möglichkeit HDMI mittels Adapter zu benutzen. Da das Testgerät des ERNW über diese Schnittstelle nicht verfügte, konnte diese Vermutung nicht bestätigt werden.

Auch wenn das Gerät mehr über Funktionen besticht, die in Nordkorea nicht funktionieren oder überhaupt gleich vorsorglich vom chinesischen Hersteller ausgebaut wurden (Stichwort: Offenes WiFi, Datentransfer mittels USB-Stick …), verbergen sich einige Besonderheiten im „Offlinemodus„, die man sich auch hierzulande gerne wünschen würde. Wie dieser Service nun abgewickelt werden soll, erschließt sich weder mir, noch den IT-Forschern, aber der Hersteller der Software verspricht den Usern nicht nur schnell verfügbare Updates über Jahre hinaus, sondern ebenfalls eine umfassende gratis Garantieleistung.

alt
Adapter für fast alles! Praktisch sieht anders aus.

Abgeschottete Länder und im besonderen Nordkorea scheinen, um jede Kleinigkeit ein Staatsgeheimnis zu machen und bestmöglich so wenig wie möglich über den Staatsapparat preiszugeben. Das Woolim schafft zumindest einen kleinen Einblick, wie Unterhaltungsmedien in Nordkorea funktionieren und was man darunter zu verstehen hat. Glaubt man den Worten im Werbevideo, gibt es auch in Nordkorea eine Art DVB-T System. Mit einem erworbenen Dongle oder Ähnlichem können über das Gerät bis zu 20 nordkoreanische Fernsehsender freigeschaltet werden. Ausländische Sender sind natürlich nicht verfügbar und daraus wird auch überhaupt kein Hehl gemacht – ganz im Gegenteil. Ohne den Überwachungsstaat zu kaschieren oder die Datensammelwut der Regierung schön zu reden, wird jedem, der das Gerät kauft ganz deutlich gezeigt, dass der Staat die totale Kontrolle über das Gerät behält. Auch die Forscher glaubten noch beim Red Star OS, dass der interne „Anti-Virus-Scanner“ den Nordkoreanern nur vortäuschen soll, dass damit das Gerät vor potenzieller Schadsoftware geschützt wird, während es eine ganz andere Funktion (der Überwachung) ausübt. Aber das Woolim-Tablet zeigt ganz deutlich, dass diese und ähnliche Sperren als eigene Besonderheiten des Geräts beworben werden, nicht um den Bürger zu täuschen, sondern um ihn vor angeblich schädlichen Einflüssen von der ach so gefährlichen Außenwelt zu bewahren. In Anbetracht unserer Sicherheitsdebatten der letzten Jahre ein wirklich außergewöhnlicher Ansatz.

Auch wenn sich das Betriebssystem Red Star OS 3.0 nennt, handelt es sich hierbei in der Architektur um eine Android 4.4.2 Version (KitKat) mit einem Kernel 3.4.39 (vom 10. September 2015). Seit kurzem gibt es erste Informationen, dass sich bereits eine neuere Version des Red Star Betriebssystems im Umlauf befindet. Ob das Woolim auch auf das aktuelle, neue Betriebssystem upgedatet werden kann, ist für mich zum aktuellen Zeitpunkt noch unklar.

Im Werkszustand befinden sich die üblichen vorinstallierten Android-Programme, jedoch ohne die übliche Google-Software. Kein Play-Store und kein Google-Maps, dafür aber einige Programme, die in Nordkorea für Red Star OS eigens entwickelt wurden.

Juche-konforme Unterhaltungselektronik

Werfen wir nun einen Blick auf die Funktionen und die Betriebsoberfläche des Woolim: Auffällig sind die Seriennummern für jedes einzeln installierte Programm. Ob es sich dabei nur um eine Versionsnummer im herkömmlichen Sinne handelt, oder damit jedes spezifische Gerät mit einem bestimmten Programm in Verbindung gebracht werden kann (Stichwort Überwachung des Nutzers), konnte vom Team nicht verifiziert werden.

Im Auslieferungszustand des Gerätes befindet sich wie bereits zuvor erwähnt eine Vielzahl an vorinstallierten Standardprogrammen, die den Funktionen und der optischen Erscheinungsform bekannter Tablet-PCs stark ähneln. Dazu zählen eine Kamera-App, ein Dateimanager, Flash und vieles mehr. Ob es sich bei der Flash-App tatsächlich um ein vergleichbares Produkt wie jenes des Marktführers Adobe handelt, ist den Wissenschaftlern nicht bekannt. Da die meisten Webseiten aus Nordkorea den Flash-Standard für Videos und Animationen nutzen, würde diese App aber durchaus Sinn ergeben. Naenara, der Webbrowser des Red Star OS 3.0, der eigentlich dem Firefox 3.5 entspricht, erscheint mit einer „aufgeräumten“ Bedienoberfläche, ohne auf bewehrte Funktionen, wie dem Setzen von Lesezeichen verzichten zu müssen. Bereits im Urzustand sind einige Seiten als Lesezeichen gesetzt, die mit Juche-konforme Seiten des nordkoreanischen Intranets verlinkt sind.

alt
Rein optisch ist das Woolim kaum von anderen Tablet-PCs zu unterscheiden. Die „Gefahr“ lauert im Source-Code!

Und da wären wir beim eigentlichen Zweck des Tablet-PCs Made (zum Teil) in NK: Verbreitung propagandistischer Inhalte, um das niedere Volk auf ideologischer Linie zu halten! Dem Betriebssystem Red Star OS zugehörig ist eine Art Wikipedia, dass neben den wichtigsten Inhalten der Juche-Geschichte auch die zugeordnete Literatur der einzelnen Führer zeigt. Das Team der ERNW-Sicherheitsfirma kann zwar die Software des Woolims aus Sicherheitsgründen nicht zur freien Verfügung stellen, aber sehr wohl die einzelnen PDF-Dokumente. Wenn gewünscht, kann hier auf mothersdirt.net in einem zukünftigen Artikel noch darauf näher eingegangen werden.

Nebst der ideologischen Propaganda zugeordnete Inhalte gibt es auch durchaus viel Nützliches, was weder hierzulande, noch in Nordkorea auf einem PC fehlen darf. Dazu zählt ein bereits vorinstalliertes Office-Paket, dass augenscheinlich einen vollkommen Funktionsumfang von der Textbearbeitung in Word bis zu Präsentationen mit Power Point zulässt. Aber auch hier zeigt sich bereits am Namen von „MS Word“ oder einem Architekturprogramm mit dwg-Schnittstelle, dass Copyright Restriktionen in Nordkorea scheinbar völlig unwirksam sind. Liegt wohl daran, dass ohnehin keine internationalen Gesetzesmäßigkeiten im Land eingefordert werden können. Neben diesen Mock-Ups finden sich ebenso eigenständig entwickelte und interessante Software, wie dem eines IT-Begriffsbestimmungswörterbuches. Abgesehen von einer Vielzahl an Spielen und einer Koch-App ist vor allem ein Programm in den Fokus der IT-Wissenschaftler gerückt: Das Programm mit dem Namen „Trace-Viewer“ dient, wie schon der Name vermuten lässt, der Überwachung des Users. Jedes Mal wenn ein Programm am Tablet-PC gestartet wird, erstellt das Gerät automatisch einen Screenshot und speichert diesen im Trace-Viewer. Das Programm erfüllt einzig und allein den Zweck, die gespeicherten Bildschirmfotos und die Browserhistorie dem Benutzer offen anzuzeigen. Eine Bearbeitung der Inhalte ist nicht möglich. Der Staat will damit seine allgegenwärtige Kontrolle über die Bürger auch im Netz vermitteln: „Wir wissen, was du machst und du kannst diese Informationen nicht löschen.“

Datenaustausch, der nur in einer Richtung stattfindet

In einer modernen Gesellschaft sind die neuen Kommunikationsformen zum Informationsaustausch mit anderen Personen zu einem wichtigen Instrument geworden. Sei es über eine E-Mail oder einem mobilen Datenträger, die Verbreitung von Informationen ist heute immer und fast überall möglich. In Nordkorea ist ein freier Datenverkehr, sogar abseits der internationalen Kommunikationsnetzwerke völlig unerwünscht und ein schneller Datenaustausch ist nicht möglich. Versucht man jetzt am Woolim eine beliebige Datei zu öffnen, wird man rasch feststellen, dass dies nicht ohne Weiteres möglich ist. Wurde die Datei nicht direkt auf dem jeweiligen Rechner erstellt, oder von der jeweiligen Regierungsstelle autorisiert (signed-File), dann öffnet sich die Datei nicht und der User bekommt stattdessen die Nachricht „This is not a signed File“ am Bildschirm angezeigt.

Dieses Signieren der einzelnen Dateien ist für die Überwachung der User von essenzieller Bedeutung. Laut Niklaus Schiess wird hierfür jede Datei, die entweder am Woolim erstellt wird, mit dem Gerät im Urzustand ausgeliefert wurde oder von einer Regierungsseite heruntergeladen worden ist, mit einem Wasserzeichen versehen. Diese Methode ist der Forschergruppe bereits seit 2015 bekannt, als das Red Star OS Betriebssystem, das über ähnliche Mechanismen verfügt, vorgestellt wurde. Bei der Codierung der Datei werden, wie am unteren Bild beispielhaft an einem jpg-File dargestellt, am Ende jeder Datei ein paar Bytes geschrieben. Hier dargestellt im roten Kästchen. Landet diese Datei nun auf einem USB-Stick und wird auf einem anderen PC mit Red Star OS geöffnet, werden zusätzliche Bytes am Ende des JPGs geschrieben. Umso öfter man nun die selbige Datei weitergibt, desto mehr Signaturen werden geschrieben. Für die nordkoreanische Regierung ermöglicht dieses Tool eine Rückverfolgung auf jeden einzelnen User, der die Datei erstellt, eingelesen oder verändert hat (siehe Bild unten) und ist somit ein wichtiges Werkzeug der Informationsüberwachung. Betrachtet man das Codieren der Dateien im ganz großen, landesweiten Maßstab, erlaubt es der Regierung Verbindungen zwischen einzelnen Personen und Gruppen zu erkennen. Mögliche Intrigen gegen den Staat werden frühzeitig erkannt und der Urheber als Quelle einer Nachricht kann aus dem Verkehr gezogen werden.

Beispiel einer signierten JPG-Datei
Beispiel einer mehrfach codierten JPG-Datei.

Jede zu öffnende oder speichernde Datei im Red Star OS muss eine Library mit dem Namen „Government No Media“ passieren und wird einem Lizenz-Check unterzogen. Dabei gibt es 2 Möglichkeiten der Dateisignatur:

NATISIGN (Nation Signing): Signaturen der Regierung.
SELFSIGN (Selfsigning): Signaturen mit einem Rijndael-Schlüssel, die vom Tablet selber stammen.

Sollte eine zu öffnende Datei keiner der beiden Signaturen entsprechen, kann diese nicht geöffnet werden.

Ebenso ist beim Woolim-Tablet-PC genauestens geregelt, welche Dateiendungen von der Signierung bzw. der Signaturüberprüfung erfasst werden. Dazu gehören fast alle gängigen Media- und Exe-Dateien, wie auch HTML und Textdateien. Darüber hinaus werden selbst apk-Dateien erfasst. Das heißt, dass nicht nur Programme von der Regierung (vor)signiert, sondern vom eigenen Endgerät ebenfalls signiert werden. Somit hat jedes installierte Programm am Woolim zwei Signaturen verschiedener Quellen. Das Woolim kann man durchaus als elektronische Festung bezeichnen, die das Konsumieren ausländischer Medien unmöglich macht. In manch anderen autoritär regierten Ländern wie Kuba werden immer wieder große Sätze an Filmen und E-Books auf großen Festplatten weitergegeben. Diese Möglichkeit bietet sich mit diesem Gerät nicht.

Zusammengefasst gibt es also nur zwei verschiedene Typen von Dateien, die auf dem Tablet geöffnet werden können. Entweder ein Dokument, dass von der Regierung signiert wurde (NATISIGN) oder auf dem Gerät selbst entstanden ist (SELFSIGN). Sollte jemand in Nordkorea auf einem anderen Gerät ein Dokument erstellen (SELFSIGN) und dieses per USB-Stick oder CD-Rom in Umlauf bringen, kann dieses auf anderen Geräten nicht geöffnet werden.

Zugeknöpft wie die NSA

Um Zutritt zum nordkoreanischen Intranet zu bekommen, muss man sich zuerst die Netzwerkzugangskontrolle (NAC) einloggen. Beim Log-in bieten sich zwei Möglichkeiten: Zugang über ein Modem oder ein lokales W-Lan Netzwerk. Bevor der eigentliche Verbindungsaufbau startet, wird man nach dem Zugangsort (Access-Point) gefragt. In Nordkorea gibt es mehrere dieser Zugangspunkte. Wohnt man zum Beispiel in der Hauptstadt Pyongyang, muss man den Access-PointPyongyang“ auswählen. Hat man den richtigen Zugangsort gewählt und das richtige Passwort eingegeben, ist man als Person eindeutig identifiziert und bekommt hoffentlich Zugang zum nordkoreanischen Intranet. Erst einmal eingeloggt ist es mit Überprüfungen, Checks und Re-checks keineswegs gewesen. Am Beispiel der Seite http://cooks.org.kp/ zeigt sich, dass Regierungswebseiten zahlreiche Wasserzeichen benutzen und von Red Star OS unterstützt werden, um Informationen des Users zu sammeln und weiterzuleiten. In diesem Fall sind es gleich sechs an der Zahl!

Ein weiteres interessantes Programm, das der Sicherheit beziehungsweise staatlichen Kontrolle dient, ist „Red Flag“. Sobald der PC hochgefahren ist, startet die Software im Hintergrund und macht wie bereits erwähnt bei jedem Öffnen einer Datei oder eines Programmes einen Screenshot, der danach im Trace-Viewer abgespeichert wird. Ebenso wird die Browserhistorie gespeichert und sammelt Informationen über die IMEI, IMSI und Android_id. Da auf dem Woolim-Tablet keine SIM-Karte installiert ist, deutet vieles daraufhin, dass derselbe Algorithmus auch auf nordkoreanischen Mobiltelefonen läuft. Ebenso durchläuft jede Datei beim Öffnen eine Sicherheitsprüfung, dem sogenannten Integrity-Check: Wird eine Unstimmigkeit erkannt, weil zum Beispiel die Datei von einem fremden Gerät stammt und nicht signiert wurde, fährt das System des Woolim-Tablets herunter und schaltet sich aus! Kompromisslos, um jede Möglichkeit einer Manipulation im Vorhinein auszuschließen. Lediglich Programme, die vorinstalliert wurden oder von einer der nordkoreanischen Regierungswebseiten heruntergeladen wurden, dürfen installiert und geöffnet werden. Dafür gibt es eine sogenannte „Whitelist“, die man sich normalerweise selber erstellt. In Nordkorea wird diese bereits vorgegeben und kann auch schon fast selbstverständlich nicht selbstständig abgeändert werden.

Selbst für die erfahrenen IT-Sicherheitsforscher stellte der Tablet-PC vor große Herausforderungen. Während ansonsten die koreanische Computertechnologie eher primitiv bis gar lächerlich veraltet anmutet, wurde am Tablet von nordkoreanischer Seite echt gute Arbeit geleistet. Die Applikationen erscheinen auch im Test durchwegs brauchbar zu funktionieren und die Sicherheitssperren arbeiten beinahe perfekt. Offensichtliche und relevante Schwachstellen konnten selbst von den Spezialisten keine ausgemacht werden, wenngleich Grunow und das Team nicht in der Lage waren, jede einzelne Funktion auszutesten. Aber jede Möglichkeit auf herkömmlichem Wege die Sicherheitssperren zu umgehen, scheiterte an der nicht signierten Datei. Es hatte den Anschein, dass jemand im Vorfeld der Programmierung an beinahe jede Möglichkeit der Manipulation dachte – selbst bei ohnehin nur sehr eingeschränkten Mitteln in Nordkorea! Wir sollten dabei nicht außer Acht lassen, dass für einen nordkoreanischen Entwickler bei einem Tablet für nordkoreanische Bürger ein möglicher Hacker im Ausland ohnehin keine Rolle spielt. Die Gefahr in deren Augen besteht vielmehr darin, dass sich über Sicherheitslücken im System ein Ausländer auf nordkoreanischen Territorium Zugang zu geheimen Dokumenten verschaffen könnte. Im Hinblick auf die ohnehin so gut wie nicht vorhandenen Zugangsmöglichkeiten zum Internet, reine Gedankenspiele. Selbst den IT-Spezialisten gelang es letztlich erst nach vielen Versuchen und einer gewissen Portion Einfallsreichtum sich Zugang zum Inneren des Tablets zu verschaffen – und auch nur zum Teil! Ungefilterte Informationen aus dem verfeindeten Ausland ist die größte Gefahr in den Augen des nordkoreanischen Regimes. Daher ist es kein Wunder, dass die IT-Ingenieure das Gerät wie eine Festung hermetisch abgeriegelt haben. Dieses Gerät dürfte wohl der unumstößliche Beweis sein, dass selbst mit der Verbreitung tragbarer elektronischer Geräte nur schwer relevante Informationen aus der Außenwelt in das abgeschottete Nordkorea gelangen werden.

Was denkst du über den nordkoreanischen Tablet PC? Ist ein ähnliches Szenario auch bei uns vorstellbar? Wie viel Freiheit soll dem Volk überhaupt zugemutet werden oder sollte der Staat bis zu einer bestimmten Grenze die Kontrolle über den Datenaustausch bekommen? Fake-News in den sozialen Netzwerken, Austausch von kinderpornografischem Material und hetzerische Propaganda auf den dunklen und verwogenen Pfaden im WWW wären passé. Wohin soll und wird sich unsere Zukunft entwickeln? Freue mich wie immer auf eure zahlreichen Antworten und verbleibe bis zum nächsten Mal auf Facebook und hier in den Kommentaren!



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