Mittwoch, den 28. Juni 2017 um 19:05 Uhr
Autor: Dirty Hannah

Telefonnutte - na und?

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Telefonsex müsste theoretisch ausgestorben sein und praktisch steht er vielleicht kurz davor. Zu Zeiten von kostenloser Pornographie, Cam-Sex und etlichen Seiten, die nur zur Partnerfindung dienen, ist Telefonsex ein Dinosaurier der Erotikunterhaltung. Die Branche ist von Klischees und Vorurteilen überschattet. Mitvierziger Frauen stehen stöhnend am Bügelbrett und melken einen Mann nach dem anderen ab. Alle Kunden sind pervers, gestört und komplette Versager und was sie alle vereint, ist natürlich die Einsamkeit. Widerlegen kann ich diese Annahmen grundsätzlich nicht, sondern nur abschwächen. Ich kann das beurteilen, weil ich mich seit fast fünf Jahren dem Telefonsex verschrieben habe. Humorvoll bezeichne ich mich selbst als Telefonnutte und so salopp gesagt, kann ich mit gutem Gewissen behaupten: ich habe schon genug Scheiße gehört, um zwischen pervers und gestört unterscheiden zu können.

Bevor ich zu meiner pseudo-psychologischen Diagnose der Männer komme, fange ich erstmal mit mir an. Ich bin 25 und studiere Kunstgeschichte im Master. Das muss man sich ein bisschen wie Batman für Arme vorstellen. Tagsüber fleißige Studentin und nachts geldgeiles Telefonluder. Leider ist es nicht ganz so glamourös, wie es vielleicht den Anschein macht und einen Butler, der mir Dildos auf einem Silbertablett bringt, habe ich leider auch nicht. Meine Waffe gegen die unersättliche Libido der Männer beschränkt sich ganz allein auf meine Stimme. Wenn man beruflich Männer glücklich machen will, muss man verständnisvoll sein und mit „glücklich“ meine ich natürlich zum Abspritzen verhelfen. Ich war Ende 20 als ich bei einer Agentur angefragt habe, ob ich Telefonsex anbieten könnte. Da wird man ganz professionell als Telefonistin einer Flirt- und Erotikhotline bezeichnet. Die Voraussetzungen sind sehr überschaubar: Mindestens 18 Jahre alt sein und eine Flat ins deutsche Festnetz besitzen. Somit sind ungefähr alle meine weiblichen Freunde für den Job qualifiziert, doch richtig überzeugt hat das noch keine. Daraufhin beantragt man einen Gewerbeschein im örtlichen Rathaus, unterschreibt einen Vertrag und schon kann die telefonische Versklavung losgehen.

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Als Angestellte auf einer Hotline bekomme ich nur einen geringen Satz dessen, was die Männer für die kostbare Zeit mit mir hinlegen müssen. 20 bis 30 Cent kann ich in der Minute einstreichen, wobei die Männer bis zu 1,99€/min bezahlen müssen. Als Nebenjob ist das in Ordnung, aber hauptberuflich geht das meiner Meinung gar nicht, da ich niemals acht Stunden am Tag Telefonsex haben könnte.

Da meine Freunde es langsam nicht mehr aushielten jeden Tag neue Pimmel-Geschichten zu hören, habe ich mir einen Account bei Twitter zugelegt. Ich wollte keinen Blog schreiben, weil sowas oft viel zu langatmig wird und ich am Anfang direkte Resonanz auf das Erlebte haben wollte. Das war eine meiner besten Entscheidungen. Immer mehr Leute verfolgten meinen Account und nahmen so an einem kleinen Stück aus meinem Leben teil. Frauen schrieben mir, um manche Dinge nachzufragen, Männer, um ihr Gemächt zu präsentieren. Daran hat sich bis heute, zweieinhalb Jahre später, nicht wirklich viel geändert. Ich habe viele tolle Kunden über Twitter kennengelernt, die es mir ermöglichten eine eigene 09005-Nummer zu beantragen. Die wirft sehr viel mehr Gewinn ab, aber ich muss die Werbung ja auch alleine übernehmen. Lange Rede, kurzer Sinn: Social Media bietet viele Möglichkeiten und ich bin der Meinung, dass mir die Präsenz auf Twitter den Arsch gerettet hat. Obwohl ich ab und zu noch auf der gewerblichen Hotline bin, beziehe ich jetzt das meiste Geld von meiner privaten Nummer. Das liegt aber auch daran, dass ich meine Stammkunden mitgenommen habe. Kunden abwerben ist natürlich unterste Schublade und verboten, aber als Telefonnutte hält sich mein schlechtes Gewissen sehr in Grenzen.

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Manchmal ist es hart, sehr hart sogar. Als Hannah muss ich nicht nur gut gelaunt, sondern auch stets geil und bereit sein. Obwohl ich viele meiner Kunden schätze, schützt es mich nicht vor Verbitterung. Es gibt Tage, an denen ich die Männer so berechenbar finde, dass sie mich allesamt abstoßen. Die kleinsten Nachrichten reizen mich so sehr, dass ich kaum antworten kann. Ich sehe auf mein Handy und weiß, welches Gespräch mich erwartet, wenn ich abhebe. Jedes Wort ist dann eine Überwindung, jedes Lachen noch unechter als mein Stöhnen. Die Männer überschütten mich mit Komplimenten und ich kann kein einziges ernst nehmen. Ich bin Ware und so werde ich auch behandelt, obwohl viele das nicht beabsichtigen. Kunden, die mich als „ihre Nutte“ bezeichnen. Kunden, die um jeden Euro feilschen, als wäre mein Wert verhandelbar. Kunden, die mich wie Freunde behandeln, aber wie eine Nutte bezahlen. Ich jammere, obwohl ich selbst das Problem bin. Ich habe mich selbst in diese Position gebracht und dennoch ist es an manchen Tagen zu viel für mich. Ich liebe diesen Job und jeder, der jemals gehört hat, wie ich darüber rede, kann das bestätigen. Dennoch weiß ich, dass der Beruf mich verändert hat und mich ganz langsam auffrisst. Es sind nicht die Perversionen der Männer, sondern ihre Probleme, Gefühle, Erwartungen und ihr Verhalten mir gegenüber, welche mich immer wieder auf die Probe stellen. Ich bin nur eine Projektionsfläche. Ich verkaufe nicht mich, sondern unerfüllte Fantasien. Ich könnte jeder sein, nur niemals ich.

Manchmal bin ich so von der Fiktion geblendet, dass ich vergesse, wie real die Begegnungen am Telefon sein können. Personen, die mir völlig fremd sind und mit denen ich nichts teile, außer diesen Moment. Wenn eine eigene Dynamik entsteht, die mich vergessen lässt, dass ich damit mein Geld verdiene. Anonymität ist das Schlüsselwort und alles Gute und Schlechte an diesem Beruf. Die Anonymität, die Telefonsex einem bietet, ist für alle gleich, doch jeder nutzt die Möglichkeiten anders. Entweder sieht man es als Befreiung von Zwang und Vorurteilen oder als Freifahrtschein, um ein riesiges Arschloch zu sein, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen. Ich habe schon beides erlebt und auch beide Positionen vertreten. Das Dasein als Arschloch ist natürlich sehr viel einfacher. Auch wenn die Anonymität einen schützt, kostet Offenbarung immer etwas Überwindung. Da aber nichts im Leben umsonst ist, und erst recht nicht der Telefonsex mit mir, muss erst investiert werden, um dann abspritzen zu können. Und wenn es dann endlich soweit ist, dass die Menschen sich schamlos und ungezwungen zeigen, von Vorlieben und Fantasien sprechen, die mir die Röte ins Gesicht treiben, spüre ich den Kick dahinter. Die Sucht, die mich nicht aufhören lässt zu suchen. Ist die Fantasie jetzt abartig oder geil, oder einfach beides? Die Grenze zwischen Ekel und Erotik lote ich ständig neu aus. Jedes Telefonat verändert mich und doch glaube ich seit fünf Jahren schon alles gehört zu haben. Die Sensationsgeilheit fordert mich täglich aufs Neue heraus. Neben meiner abgeklärten Einstellung, gebe ich nur ungern zu, dass ich mich genauso hinter der Anonymität verstecke, wie alle anderen auch. Jede Möglichkeit, die Telefonsex den Kunden bietet, steht auch mir offen. Vorlieben, für die ich mich schäme, finden hier ihren Platz, sicher verschlossen und unzugänglich für alle, außer der Person, mit der ich sie teile.

https://twitter.com/DirtyTalkHannah





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