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Bei seiner Tagung im Ulmer Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen hat der Gehirnforscher Professor Manfred Spitzer mit anderen Experten, darunter dem Pädagogen Bernhard Bueb, Alarm geschlagen, was den unkontollierten Medienkonsum vor allem von Kindern und Jugendlichen betrifft.
Er behauptet sogar, die "medienvermüllten" Gehirne der nächsten Generation seien das grösste Problem der Zukunft. Während sich in der Umweltpolitik allmählich ein Bewusstsein heranbilde, dass der ungehinderten Vermüllung Einhalt geboten werden müsse, würde überhaupt kein Weg von seiten der Politik gesucht, um die Vermüllung der Gehirne einzudämmen. 

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung lernten kleine Kinder nicht durch Lernprogramme; statt dessen würden sie ganz klar durch Computergebrauch geschädigt, wie Studien in den USA jetzt herausgefunden hätten. Danach waren Kinder, die keinen Computer hatten, in ihrem Lernverhalten und ihren schulischen Ergebnissen den Kindern mit Computern eindeutig überlegen. Spitzer geht so weit, dass er sagt, Computer und Fernsehapparat hätten im Kinderzimmer nichts verloren. 

Weiter wurde in den Studien herausgefunden, dass Jugendliche in der Pubertät besonderes Interesse an Sex und Gewalt zeigten, was aber ganz normal für das Alter sei, dass allerdings Killerspiele und der Konsum von zuviel Gewaltdarstellungen unsensibel machten und die Gewaltbereitschaft erhöhen würden. So wie man bei dreijährigen Kinder gegen die ebenfalls natürliche Gier auf Süssigkeiten zu ihrem eigenen Besten rigoros vorgehe, so müsste auch bei dem übermässigen Medienkonsum energisch eingeschritten werden.

Nun kommt für Spitzer noch ein anderes Problem in der heutigen Erziehung dazu: Kinder seien heute von ihren Eltern wie kleine Edelstein geputzt und geschliffen zu Solitären, und das, obwohl viele Eltern sich  gar nicht wirklich für ihre Kinder interessieren würden. Erziehung und Bildung brauche aber vor allem Zeit, und so würden diese Kinder mit ihrem Computer und ohne echte Zuwendung und Erziehung durch ihre Eltern eines nicht lernen, dass nämlich ein harmonisches Zusammmenleben nur mit Rücksicht und Solidarität funktionniere.

Nun sieht Spitzer als Lösung des Problems den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen.
Die Ganztagsschule soll die fehlenden Eltern ersetzen und die Kinder und Jugendlichen davon abhalten, den ganzen Nachmittag vor dem Fernseher oder Computer zu verbringen, also praktisch und pädägogisch wertvoll.

Dies trifft sicherlich auf eine bestimmte Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu und wäre dort auch wirklich zu begrüssen.

Aber was ist mit den doch wohl auch zahlreichen Schülern, die nicht mediensüchtig sind, deren Eltern sie wirklich begleiten und die deshalb oder sogar ganz selbständig ihre Hausaufgaben machen?

Sie könnten ab sofort ihre Nachmittage nicht mehr selbständig gestalten, sie könnten sich nicht zurückziehen, um vielleicht zu lesen, zu basteln, Musik zu hören oder selbst zu musizieren oder auch einfach nur einmal allein zu sein.  Sie könnten sich nicht mit Freunden treffen zum Sport oder auch nur um sich zu unterhalten, jeder Sportverein wäre gestrichen, sie könnten sich nicht mit einem Haustier  beschäftigen, damit spazieren gehen, usw.usw..

Seine Freizeit selbständig zu planen und zu gestalten, ist für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung doch wohl unverzichtbar.

Derjenige, dem in der Ganztagsschule die Tagesstruktur immer im Grossen und Ganzen vorgeschrieben wurde, ist später doch wohl gar nicht inder Lage, seinen Tag ohne Anleitung oder Entertainer befriedigend zu gestalten. Also sitzt er spätestens dann doch vor dem Fernseher oder Computer...

Das Problem, das Professor Spitzer aufzeigt, kann gar nicht unterschätzt werden. Aber der Ansicht, die Ganztagsschule sei die Lösung für alle und "Persönlichkeitsbildung" sei nur dort möglich, kann nicht gefolgt werden.  


   

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Kommentare  

+9 #2 Maria Menges 2010-06-21 10:55
"Der Staat überredet uns, Kinder zu kriegen", was ist das denn für ein Statement?? Der Staat setzt Anreize, aber deswegen kann ich ihm doch nicht die volle Verantwortung und vor allem die Aufgabe, meine Kinder zu erziehen, übertragen. Das degradiert die Frau ja vollends zur Gebärmaschine: Der Staat will Kinder, ich gebe sie ihm, was er damit macht, ist seine Verantwortung, ich will damit nichts mehr zu tun haben.
Mit dieser lieblosen Einstellung ist es wahrscheinlich besser, keine Kinder zu bekommen, denn Kinder brauchen vor allem Liebe, Geborgenheit und Zeit.

Dass Ganztagesschulen in vielen Fällen sinnvoll und hilfreich sind, will ich gar nicht in Abrede stellen, aber sie verbindlich einzuführen, entspricht nicht meinem Verständnis von Demokratie und meinem Recht als Eltern, meine Kinder so zu erziehen, wie ich es für richtig halte.
-2 #1 Sybille Buchner 2010-06-21 09:49
Da der Staat von uns erwartet, dass wir Kinder bekommen, soll er sich auch in Ganztagesschulen darum kümmern! Ich habe zwei Kinder, mit zwei Vätern, die beide arbeiten, ich muss auch arbeiten, da habe ich einfach keine Zeit, mir jeden Abend alles anzuhören, was von den Kindern erzählt wird, geschweige denn für Hausaufgaben. Die Väter sind selten da, also muss jemand anderes diese Aufgaben übernehmen. Da wir vom Staat dazu überredet werden Kinder zu bekommen, soll sich auch der Staat mit Hilfe von Professoren und Experten um die richtige Erziehung kümmern. Wenn aber nur manche Kinder in Ganztagesschulen gehen und andere nicht kommt Neid und Missgunst hinzu, daher plädiere ich für die Lösung alle Kinder in Ganztagesschulen zu stecken, nur so gibt es eine echte Chancengleichheit!

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