Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv (0)
 

In einem Aufsehen erregenden Urteil hat der Bundesgerichtshof [BGH] in Karlsruhe eine Grundsatzentscheidung zur Thematik der Sterbehilfe getroffen (Az. 2 StR 454/09). In dem Fall, der dem Gericht zur Entscheidung vorlag, hatte ein Münchener Rechtsanwalt seiner Mandatin geraten, den Ernährungsschlauch ihrer Mutter zu durchtrennen, da diese laut einer auf sie lautenden Patientenverfügung lebenserhaltende Maßnahmen ausdrücklich abgelehnt hatte.Die Leitung des Heims, in dem sich die Mutter der Mandantin seit Jahren befand, unterband diesen Versuch und setzte die künstliche Ernährung gegen den Willen aller Beteiligten fort. Ein paar Tage später starb die Dame einsam und allein im Krankenhaus.

In der Vorinstanz wurde der Anwalt vom Landgericht Fulda wegen versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährug verurteilt. Der BGH hob dieses Urteil nun auf und sprach den Anwalt vom Vorwurf des versuchten Totschlags frei. Zusammengefasst lässt sich der Urteilsbegründung entnehmen, dass der BGH insbesondere das Selbstbestimmungsrecht der Patienten stärken und hervorheben wollte. Ärzte dürften demnach auch dann lebensverlängernde Maßnahmen abbrechen, wenn der unmittelbare Sterbevorgang noch nicht begonnen hat, sofern dies dem Willen des Patienten entspräche. Unerheblich sei auch, ob der Abbruch der Behandlung durch aktive Handlungen erfolge, also beispielsweise das Entfernen eines Ernährungsschlauchs. Auch bei bewusstlosen Patienten sei allein deren mutmaßlicher Wille entscheidend.

Schon seit Jahren beschäftigt diese Thematik die Juristerei, Ethikkommissionen, Kirche, Politik und insbesondere Ärztegremien gleichermaßen. Immer wieder hatten sich in der Vergangenheit die höchsten deutschen Gerichte damit auseinanderzusetzen und noch nie hatte der BGH die Patientenrechte so sehr gestärkt wie in diesem Urteil.

Zur Erklärung: Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland grundsätzlich verboten und strafbar. Bei der passiven Sterbehilfe ist nach Einzelfall zu entscheiden: Da der Suizid straffrei ist, sind auch alle Beihilfen und Anstiftungen zu selbigem grundsätzlich straffrei. Entscheidend im Hinblick auf die Abgrenzung zur strafbaren Tötung auf Verlangen und zu anderen Tötungsdelikten soll dabei sein, dass die finale Tötungshandlung vom Suizidenten selbst ausgeführt wird. Da sich dies aber wie im oben geschilderten Fall oft als unmöglich darstellt, ist eine einheitliche Entscheidung dieser Problematik nicht möglich und auch nicht angezeigt. Zu gewisser Berühmtheit gelangte in diesem Zusammenhang auch ein Hamburger Arzt, der seine sterbewilligen Patieten bis in den Tod begleitete. Dieser blieb (strafrechtlich) jedoch unbestraft, da er, wie oben erläutert, die finale Tötungshandlung seinen Patienten selbst überließ und ihnen "nur" die Mittel (Tabletten etc.) und die "Anleitung" hierfür zur Verfügung stellte. Hieran zeigt sich die dem Ganzen innewohnende Dubiosität: Der Arzt hätte seinen Patienten die zum Tode führenden Tabletten praktisch direkt in die Mundhöhle führen können, ohne dass er sich dabei strafbar gemacht hätte. Denn solange der Sterbewillige noch selbst in der Lage ist, darüber zu entscheiden, ob er diese dann auch schluckt, kennt das Strafgesetzbuch hierfür keinerlei Sanktionen.

Diese Thematik ist und bleibt eine sehr heikle. Sie wird auch in Zukunft von moralethischen, religiösen und juristischen Diskussionen begleitet werden und wohl niemals zu einer alle zufriedenstellenden Lösung führen. Die Unsicherheit zu beseitgen, die gerade für Ärzte und Pflegekräfte geradezu existenzgefährend -bzw.-vernichtend wirken kann, wird aber auch weiterhin der Jurisdiktion obliegen - wofür diese sicher nicht zu beneiden ist...

Diesen Artikel teilen:



Kommentare  

+7 #2 Patrick Hartmann 2010-07-03 02:27
Nachvollziehen kann ich schon, dass nicht jeder Mensch künstlich mit Tabletten zum "weitervegetieren" erhalten werden möchte. Deshalb finde ich es durchaus legitim, wenn jemand sich weigert Medikamente oder Operationen zu akzeptieren.

In diesem Fall wollten sie die Frau verhungern lassen, was eine extrem grausame Form des Ablebens ist. Dafür habe ich keinerlei Verständnis!

Auf das Urteil der Verwandten zu vertrauen halte ich für äußerst bedenklich. Zwar können diese schon bei einer Medikamentenverweigerung beeinflussend wirken. Wenn diese aber darüber bestimmen, was der mutmaßliche Wille des potenziellen Vererbers sein könnte, läuft etwas falsch. Oft werden hier egoistische Überlegungen projiziert, und sei es nur der Druck, sich mit Zeiteinsatz oder Geld kümmern zu müssen. Auch wenn das wahrscheinlich nur auf einen kleinen Teil der Fälle zutrifft.

Aktiv nachzuhelfen, dass jemand auf eigenen Wunsch stirbt, finde ich verwerflich. Vielleicht denkt die Person einen Tag später wieder anders?

Sicherlich sind das keine leichten Entscheidungen, aber sowohl das Leben als auch die Dankbarkeit gegenüber der Eltern sind ein hohes Gut. Die Grenze zwischen einer Tat aus Nächstenliebe und einem sich entledigen von alten Menschen kann nicht klar gezogen werden. Daher wäre ich als Richter sehr vorsichtig mit solchen Urteilen.
+7 #1 Klaus Fischer 2010-07-02 08:57
Die Frage ist warum muss es sich ein Mensch auf die Fahne schreiben, dass er alten Leuten in den Tod hilft? Bisher ist mir nicht von Fällen bekannt, dass das mittellose Leute waren, außer zu Testzwecken mit diesem Selbsttötungsautomaten in München. Das schlimme daran ist, dass meistens wohl monetäre Gründe dahinterstecken, die den Blickwinkel ziemlich vernebeln können, was der betreffende Mensch wirklich will.

Um Kommentare abzugeben, bitte anmelden bzw. registrieren.