Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv (0)
 


am 14. Mai 2010 in München

Lieber und sehr geehrter Herr Zehetmair,
lieber Hans-Gert Pöttering,
sehr geehrter Herr Professor Riccardi,
sehr geehrter Herr Mwombeki,
sehr geehrte Damen und Herren,
 
liebe Freunde – ich kann nicht alle aus der CDU und CSU aufzählen, die heute hier sind –,
 
es ist mir eine große Freude, heute bei dem gemeinsamen Empfang der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Hanns-Seidel-Stiftung hier in München dabei sein zu dürfen. Ich habe Hans-Gert Pöttering meine Teilnahme relativ schnell zugesagt, weil ich es für eine gute Tradition halte, dass es bei den Kirchentagen auch immer wieder Empfänge der Stiftungen von CDU und CSU gibt.
 
Dass dies ein Ökumenischer Kirchentag ist, ist natürlich eine besondere Freude und auch Grund für manche interessante Spannung. Ich bin eben zum Beispiel auf dem roten Pressesofa gefragt worden, was ich denn gut an der katholischen Kirche finde, was aber besser an der evangelischen sei. Dann sitzt man da; und das Gehirn rattert. Aber mir ist schnell etwas eingefallen. Ich habe nämlich deutlich gemacht, dass ich an der katholischen Kirche beachtlich und wunderbar finde, dass sie sich als Weltkirche verstehen kann; ich glaube, auch die nachfolgende Diskussion wird davon noch einmal Zeugnis ablegen. Ich habe dann gesagt: An der evangelischen Kirche gefällt mir so gut, dass man im Gottesdienst mehr singen kann. Ich glaube, damit habe ich der Ökumene ein gutes Werk getan, indem ich nicht gleich auf die Differenzen eingegangen bin, die mir als Nicht-Theologin nicht so einfach zu erklären sind.
 
Damit bin ich beim Punkt: Ich glaube, dass dieser Ökumenische Kirchentag gerade für diejenigen, die den Kirchen etwas fern sind, aber immer noch sehr an ihnen interessiert und mit ihnen vertraut sind, ein ganz großes Ereignis ist, weil wir in einer säkularen Welt mit einer Tendenz zu noch stärkerer Säkularisierung leben und weil es, wie ich glaube, für viele Menschen ein beruhigendes Gefühl ist, wenn sich die katholische und die evangelische Kirche auf einem Kirchentag begegnen, wenn sie miteinander singen, feiern und diskutieren können und wenn sie die Botschaft in die Gesellschaft tragen: Uns leitet das gleiche christliche Menschenbild, wir sind – wenn ich das etwas pathetisch sagen darf – von den gleichen Wurzeln her Kinder Gottes.
 
Wunderbar ist in dieser schwierigen Zeit das Motto des Ökumenischen Kirchentags "Damit ihr Hoffnung habt". Es geht auch genau um die Frage des Christ-Seins in der Gesellschaft und des Christ-Seins für die Gesellschaft, was uns die Möglichkeit gibt, in umfassender Weise über Verantwortung zu sprechen.
 
Dass sich die Christlich Demokratische Union genauso wie die Christlich-Soziale Union an einem solchen Ökumenischen Kirchentag in besonderer Weise angesprochen fühlt, resultiert daraus, dass wir uns bei dem, was wir täglich in der Politik machen, bewusst sind, dass unsere Gesellschaft, die wir Politiker ja mit gestalten wollen, von Voraussetzungen lebt, die sie selbst gar nicht bestimmen und schaffen kann. Dieses Wissen wandelt sich in die Gewissheit, dass diese Grundlagen trotzdem geschaffen werden, wenn wir an den christlichen Glauben denken.
 
Deshalb sind für mich das christliche Menschenbild und das daraus resultierende Verständnis für die Aufgaben des Menschen der Urgrund, aus dem heraus wir in der Christlich Demokratischen Union genauso in der CSU – und auch ich ganz persönlich – Politik machen. Das ist ein Bild vom Menschen, der weiß, dass es etwas jenseits von ihm gibt, der dadurch demütig wird, der sich nicht für allwissend hält, der damit leben kann, dass er seine Kraft einbringt, aber auch Fehler begehen darf, und der daraus ein Freiheitsverständnis für seinen Gestaltungsauftrag bezieht, das ein Freiheitsverständnis von Freiheit in Verantwortung und ein Freiheitsverständnis ist, das immer auf den anderen Menschen bezogen ist.
 
Dies alles zusammen und dazu, was vielleicht eine andere Umschreibung von Hoffnung ist, ein Stück Gottvertrauen – das macht die Kraft aus, die unsere beiden Volksparteien prägt und aus der heraus von der ersten Stunde an Politik für die Bundesrepublik Deutschland gemacht wurde; dies auch bereits vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, sofort nach dem Zweiten Weltkrieg. Hans Zehetmair hat es eben gesagt: Entstanden sind wir im Grunde aus der festen Überzeugung, dass uns nur die Gemeinsamkeit vor dramatischen Fehlern schützt. Deshalb ist die Gründung von CDU und CSU sicherlich ein ganz wesentlicher, fast konstitutiver Bestandteil unserer heutigen Bundesrepublik.
 
Wenn wir fragen "Wie machen wir denn mit diesem christlichen Verständnis vom Menschen Politik?", dann, so glaube ich, ist die erste Anfrage an uns alle immer wieder: Wie gehen wir denn auch innerhalb der Politik miteinander um? Ich will jetzt nicht aus dem Nähkästchen plaudern – keine Sorge –, sondern dazu nur sagen, dass wir in unserer Zeit so ähnlich wie in der Umweltpolitik einfach auch lernen müssen, Menschenleben in ihrer Gesamtheit zu sehen, etwas nachhaltiger und etwas weniger hektisch zu denken, die langen Linien im Blick zu haben und nicht immer wieder so schnell vom einen auf das andere zu hüpfen.
 
Etwas, das mir in diesem Zusammenhang in den letzten Tagen aufgefallen ist und das ich gerne an dieser Stelle ansprechen möchte, ist die Frage: Was passiert eigentlich in der Politik, wenn einmal jemand krank wird? Das ist zum Beispiel jetzt bei Wolfgang Schäuble der Fall. Es wird in einer unglaublichen Schnelligkeit gefordert, dass man entweder sofort wieder voll gesund sein oder eben überlegen müsse, ob man dem Amt noch gewachsen sei.
 
Deswegen nutze ich einfach diesen Empfang einmal, um Folgendes zu sagen: Wenn ein Mensch wie Wolfgang Schäuble über viele Jahrzehnte hinweg eine Leistung für unser Land vollbracht hat, dann ist es, finde ich, doch mehr recht als billig, ihm die Zeit zu geben, die er braucht, um gesund zu werden und seine Aufgaben wieder zu erfüllen. Ich sage das anhand dieses aktuellen Beispiels, aber jeder von uns hat sich vielleicht schon einmal in einer solchen Situation gesehen und sich gefragt: Kannst du das noch leisten, was von dir jeden Tag erwartet wird? Ein Stückchen Gelassenheit sollte uns unser christlicher Glaube ab und an geben. Wahrscheinlich würden wir alle dann auch schneller wieder gesund werden.
 
Meine Damen und Herren, die christlichen Werte, die dem christlichen Menschenbild entspringen, sind natürlich auch der Leitmaßstab für das, was wir täglich an Gestaltung unserer Gesellschaft tun. Ich habe eben auf einem großen Podium über den Zusammenhalt unserer Gesellschaft gesprochen. Das Schöne an dieser Diskussion und auch an den Zuschauerfragen war: Anders als in vielen Jahren zuvor gab es den Geist der Hoffnung auch in den Fragen. Wie stehen wir in der Bundesrepublik Deutschland bei allen sozialen und politischen Problemen, die wir haben, eigentlich da, wenn wir uns einmal mit anderen Teilen der Welt vergleichen? Was haben wir geschafft, was müssen wir noch lösen, aber wofür müssen wir auch dankbar sein? Ich will diese Dankbarkeit jetzt nicht folgendermaßen interpretiert wissen: Wenn Politiker zu Dankbarkeit neigen, ist man immer schnell dabei, das so zu beurteilen: Das ist ja nur die Sehnsucht nach Lob. Nein, so meine ich es nicht, sondern ich meine es in dem Sinne, dass es uns die Kraft gibt, unseren Blick auch über den Tellerrand hinaus zu richten.
 
Wenn wir uns überlegen, dass wir jetzt gerade in einer der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte leben, dann zeigt uns das doch, dass wir uns umschauen sollten und dass wir die Dinge mit Kraft und der Hoffnung auf Besserung anpacken sollten. Dabei ist es für uns in der CDU und der CSU immer wichtig zu sagen: Wir glauben, dass wir die Gesellschaft in einer menschlichen Art und Weise gestalten können. Die Soziale Marktwirtschaft ist ohne den christlichen Glauben nicht denkbar. Und sie wird auch unser Maßstab im 21. Jahrhundert bleiben. Allerdings – das spüren wir – können wir diese Soziale Marktwirtschaft bei uns zu Hause nicht leben, wenn nicht bestimmte Werte allgemein, global gelten, wenn bestimmte Werte nicht auch woanders akzeptiert werden. Wir können nicht erfolgreich sein, wenn woanders Kinderarbeit und Raubbau an der Natur das Normalmaß sind und nur wir es anders machen wollen. Aber wir können zeigen, dass es anders geht. Das ist die Aufgabe für die nächsten Jahre, nämlich dies auch international immer wieder durchzusetzen und zu sagen: Dies ist die beste Form, den Menschen die Würde zu geben, die für jeden Menschen unteilbar ist, und die beste Form, die Menschen auch zusammenzubringen.
 
In diesem Zusammenhang stehen wir politisch natürlich vor völlig neuen Herausforderungen, weil von uns plötzlich verlangt wird, dass wir nicht mehr nur national agieren. Denn bestimmte Regeln entfalten ihre Wirkung überhaupt nur dann, wenn wir sie global durchsetzen. In diesem Zusammenhang – Hans-Gert Pöttering hat es gestern gesagt – ist Europa unsere Zukunft. Europa ist ein Werk des Friedens. Es hat ein für allemal den Krieg aus Europa verbannt. Das ist die große Tat derer, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Vernunft und das Herz besessen haben, aus Hass und Krieg den Frieden zwischen unseren Völkern zu gestalten.
 
Aber es tritt ein weiterer Grund für unser Europa hinzu, nämlich ein Europa, das sich gemeinsamen Werten verpflichtet fühlt, die wir allein gar nicht in die Welt tragen könnten. Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit – diese Werte sind von unschätzbarer Wichtigkeit und unerlässlich für die Demokratie. Wir sind der Überzeugung, dass wir für diese Art des Lebens auch in umfassendem Sinne kämpfen und eintreten sollten. Das heißt für mich auch, Christ in der Gesellschaft zu sein, nämlich sich einzubringen, mutig Zeugnis abzulegen und deutlich zu machen, wofür wir stehen.
 
Dieses Europa ist ungefähr so kompliziert, wie das natürlich auch bei uns immer wieder anklingt, zum Beispiel im Verhältnis zwischen den Bundesländern, zwischen Bundestag und Bundesrat und manchmal auch zwischen Bundesregierung und Bundestag. All das kennen wir ja. Differenzen müssen wir auch in Europa mit etwas mehr Toleranz immer wieder überwinden. Ich habe gestern in Aachen bei der Verleihung des Karlspreises gefragt: Wenn wir einmal alles beiseite lassen, was wir an kleinen und großen Kämpfen führen, wenn wir alles beiseite lassen, was wir an Meinungsunterschieden haben, und wenn wir alles beiseite lassen, was es auch an Unterschieden der Charaktere gibt, warum mühen wir uns denn so, warum arbeiten wir Tag und Nacht mit Leidenschaft und mit heißem Herzen für dieses Europa? Ich glaube, weil dieses Europa unsere Zukunft ist, aber auch nur dann, wenn wir die Fähigkeit haben, die Probleme, die wir haben, ernsthaft auf den Tisch zu legen. Europa als Harmonieveranstaltung wird genauso wenig kreativ sein wie eine Familie, die die Probleme nie anspricht.
 
Unsere Aufgabe ist es jetzt, dieses Europa in dem festen Bewusstsein zu gestalten, dass es dazu keine vernünftige Alternative gibt, und so auch mit Leidenschaft und heißem Herzen über den besten Weg für Europa zu streiten. Deswegen war es meiner Meinung nach richtig, zu sagen: Ja, wir kennen die Solidarität auch hinsichtlich des Erhalts des Euro. Aber wir sagen auch: Dazu müssen Regeln und Bedingungen eingehalten werden. Solidarität ist keine Einbahnstraße, sondern wir müssen auch gewiss sein können, dass die Länder, die Stabilitätskriterien verletzt haben, auf einen Pfad kommen, auf dem sie sie in Zukunft einhalten können. Alles andere würde Europa zerstören. Das ist meine tiefe Überzeugung, meine Damen und Herren.
 
Natürlich werden wir in den nächsten Jahren, wenn es um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft gehen wird, auch viele neue Wege gehen müssen, wenn wir an die Veränderung des Altersaufbaus unserer Gesellschaft denken. Auch das stellt uns vor völlig neue große Herausforderungen. Das ist im Übrigen auch einer der Punkte, den wir nicht aus dem Auge verlieren dürfen, wenn die so genannten Marktakteure – ihre Übertreibungen müssen eingedämmt werden; aber sie haben auch in der Sozialen Marktwirtschaft eine wichtige Rolle – unseren Kontinent anschauen. Wir müssen akzeptieren: Wir sind ein eher alternder Kontinent, wir sind nicht der jüngste Kontinent der Welt. Wir sind im Augenblick auch nicht der innovativste Kontinent, nicht der entscheidungsfreudigste Kontinent. Das heißt also, wir müssen uns anstrengen.
 
Gerade auch in Deutschland ist der demographische Wandel, der Wandel des Altersaufbaus, sicherlich eine der ganz großen Herausforderungen. Dabei werden wir zu vielem fähig sein müssen, was das Zusammenleben von Älteren und Jüngeren anbelangt, was die Akzeptanz dessen anbelangt, dass wir nicht dauerhaft über unsere Verhältnisse leben können, und was die Einbindung der Erfahrung der Älteren anbelangt, die verhindert, dass die Jüngeren überlastet werden.
 
Hierbei wird das Thema Integration – Maria Böhmer ist ja auch hier – eine riesige Rolle spielen. Hierbei wird auch die Frage des Dialogs zwischen den Christen und den Muslimen in unserem Land von besonderer Bedeutung sein. All diesen Themen müssen wir uns stellen. Davor dürfen wir keine Angst haben. Aber wir können sie mit Hoffnung angehen, sie mit Hoffnung bearbeiten. Das ist Neuland, aber warum sollte gerade unsere Generation in eine Zeit hineinwachsen, in der es nichts mehr zu tun gibt? Manch einer hatte, als der Kommunismus tot war, vielleicht die Idee, dass die Zeit vorbei sei, in der man noch große Schlachten zu schlagen hat. Es zeigt sich jetzt: Das ist nicht so. Mich entmutigt das nicht, sondern ich sage: "Damit ihr Hoffnung habt" – das ist die Botschaft des Evangeliums; und mit dieser Botschaft im Kopf und im Herzen können wir das schaffen, was vor uns liegt.
 
Dass die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Hanns-Seidel-Stiftung dabei immer lebendige Partner sind, dass sie Themen oft früher aufgreifen, als sie in der aktuellen politischen Diskussion eine Rolle spielen, dass sie die Kraft haben, den Blick auch manchmal ein wenig zurückzulenken, um den großen Bogen der Geschichte zu schlagen und uns damit vielleicht auch einen weiteren Blick in die Zukunft zu ermöglichen, dafür bedanke ich mich. Dass sie heute Gastgeber im Rahmen dieses Ökumenischen Kirchentags sind, zeigt: Nicht nur die katholische und die evangelische Kirche, sondern auch CDU und CSU – zumindest ihre Stiftungen; aber durch die Anwesenheit ihrer Vorsitzenden kann man das auch für die Parteien erahnen – wollen die Zukunft mit der Hoffnung im Herzen meistern, dass wir die Dinge zum Besseren wenden können.
 
Herzlichen Dank.


Diesen Artikel teilen:



Um Kommentare abzugeben, bitte anmelden bzw. registrieren.