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"Restavèc"  klingt unscheinbar, harmlos. Es handelt sich dabei um eine Verkürzung des französischen "rester avec", also "bei jemandem bleiben". Es handelt sich hierbei aber um eine haitianische Tradition, die die Trostlosigkeit der Situation der meisten Menschen dort widerspiegelt.

Seit über 200 Jahren, gibt auf der karibischen Insel das Phänomen der Schuldknechtschaft. Sklaverei ist den Menschen dort gleichsam im Blut - nachdem die ursprüngliche Bevölkerung Haitis bald nach der Entdeckung durch Christoph Kolumbus im Jahre 1492 nur wenige Jahrzehnte später ausgerottet war, wurden dort, um die zahlreichen Zuckerrohrplantagen bestellen zu lassen, Sklaven aus Afrika nach Haiti verschifft. 1791 kam es zu einem blutigen Aufstand der Sklaven gegen die französische Oberhoheit und im Jahr 1804 konnten die siegreichen Sklaven ihre Unabhängigkeit erklären.

 

Doch hier ist zwar nun das Ende der Sklaverei unter den weißen Herren gekennzeichnet, nun kam es aber durch die plötzliche Eigenständigkeit der Menschen und ihr naturgemäßes Unvermögen, sich selbst zu versorgen, zu großem Elend. Familien, die ihre Kinder nicht ernähren konnten, schickten diese zu Fremden und gaben alle Rechte auf sie auf. Die Kinder mussten dort Arbeiten leisten und sich so ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Dies hat sich im Laufe der Jahrhunderte nicht geändert. Und obwohl es auf Haiti eine eigene "Brigade de protection de Mineur", eine Einrichtung zum Schutz von Minderjährigen, gibt, ist die Situation der Restavècs auf Haiti katastrophal. Sind die Menschen dort generell schon bitterarm, kommt den Kindersklaven gerade so viel zu, dass sie nicht sterben. Physisch und psychisch krank, missbraucht, ohne jedwedes Selbstbewusstsein, gab es schon vor dem Erdbeben Anfang 2010 über 300.000 solcher Kinder ohne Zukunft. Die Zahl ist heute um ein vielfaches angestiegen, genaue Zahlen lassen sich nicht ermitteln. Und je ärmer die Menschen werden, desto schlechter ergeht es den Restavècs: Wo die Adoptiveltern und deren leibliche Kinder auf spartanischsten Schlafstellen schlafen, müssen die Restavècs die Nacht auf Pappe verbringen, ihre Magen sind so zusammengeschrumpft, dass sie nur noch Flüssigkeit behalten können. Ein Großteil der kleinen Haussklaven sind Mädchen - Buben werden als potentielle Gewalttäter und dadurch als Bedrohung angesehen. So ist es normal, dass diese Mädchen Freiwild sind und in der "Familie" oftmals die Stellung einer eigenen Prostituierten einnehmen müssen. Die Buben setzen dieser Institution, wie man es leider schon nennen muss, mehr Widerstand entgegen. Viele schließen sich marodisierenden Banden an und dürften so ein wesentlich erträglicheres Los erfahren.

 

Staat und Regierung auf Haiti haben den Kindern zwar verfassungsmäßig "ein Recht auf Liebe, Zuwendung und Verständnis" zugestanden, außerdem eine "Freiheit der Arbeit", durchgesetzt wird dies aber nicht. Zu verwurzelt ist in dem Überbleibsel der Kolonisation die Sklaverei und die Armut. Auch die Kirche, die auf Haiti über viel Einfluss verfügt, nimmt, bis auf einige wenige Priester und Ordensleute, die Restavècs als gegeben hin.

 

Ein Abwenden von dieser unfassbar trostlosen Tradition ist nicht zu erwarten. Die Situation der Menschen auf Haiti hat sich durch Korruption und Misswirtschaft der führenden Politiker und Beamten im Laufe der Jahrhunderte, die seit der Unabhängigkeitserklärung 1804 verstrichen sind, nicht verbessert. Die Hoffnung der Sklaven, die sich damals gegen Armut und menschenunwürdiges Dasein aufgelehnt hatten, auf ein besseres Leben für sich und ihre Nachkommen hat sich nicht erfüllt. Dass kein Ende in Sicht ist, gibt die Antwort der achtjährigen Tamara, eines "Hausmädchens", auf die Frage, ob sie später auch Restavècs bei sich haben wolle: "Ja", sagt sie, ohne zu überlegen. "Meine Kinder sollen es später einmal besser haben."

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