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Berlin ist dreckig, laut, anonym und hässlich. Berliner sind unfreundlich, derbe und rücksichtslos. Die Berliner Schnauze steht im direkten Kontrast zum Rheinischem Singsang. Als waschechte Rheinländerin hatte ich natürlich meine Vorurteile der Hauptstadt gegenüber. Geprägt durch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und einem dreitägigen Kurztrip nach Berlin, bei dem ich das erste mal sah, wie sich Menschen auf der Straße Heroin spritzten, ließ sich meine Zuneigung Berlin gegenüber als relativ bescheiden beschreiben.

Dementsprechend glücklich war ich, als die Nachricht kam, dass die Kampagne der NGO für die ich arbeiten wollte, mich nach Berlin führen würde. Meine Aufgabe bestand im Grunde darin, jeden der mir über den Weg lief, anzusprechen und in ein Gespräch zu verwickeln. Fundraising nennt sich diese Tätigkeit.

Aber um im Trubel Berlins Passant*innen zum stoppen zu bringen, muss man kreativ, direkt, meist auch dreist sein. Ich passte mich praktisch den Berlinern an. Ich hatte einen Monat lang, sechs Tage die Woche und zehn Stunden am Tag die Chance, die Bewohner Berlins kennenzulernen und im besten Falle zum Spenden zu bringen. Schon an meinem ersten Tag habe ich gelernt, bevor ich auch nur auf das Thema der NGO zu sprechen komme, muss ich eine persönliche Ebene mit meinem Gegenüber aufbauen. Eigentlich logisch. Ich würde auch nicht einem Fremden auf der Straße meine Bankdaten direkt zustecken.

Auf den ersten Blick wirkt das stumpf, als würde ich die Menschen nur kennenlernen wollen, um dann das gewonnene Vertrauen auszunutzen. So sehe ich das allerdings nicht. Es geht um die Unterstützung einer NGO, die ehrenwerte Arbeit leistet für all die Menschen, die in der Geburtslotterie Nieten gezogen haben. Es geht nicht darum Passant*innen auszunutzen. Ich will zum Handeln alarmieren.

Die Gespräche die ich mit den Menschen auf den Straßen Berlins führen durfte, waren augenöffnend und bereichernd. Wir hätten alle nicht unterschiedlicher sein können und trotzdem sind wir uns im Kern so ähnlich. Die spannendste Frage, die man jemandem stellen kann, lautet „Was hat dich nach Berlin gebracht?“ (Denn fast jeder ist mittlerweile zugezogen). Die Antworten sind komplex aber lassen sich letztendlich immer in drei Kategorien aufteilen. Beziehungen, Jobs oder die Freiheit, die Berlin durch allgemeine Akzeptanz ermöglicht. So habe ich zum Beispiel einen Holländer kennengelernt, der schon vor 20 Jahren nach Berlin kam, weil die Schwulenszene sicherer und größer war als in seiner Heimat.

Mich fasziniert immer wieder von was für inspirierenden Menschen ich täglich umgeben bin und es nicht weiß. Mir ist eine Person ganz besonders im Kopf geblieben. Ich habe am Alexanderplatz eine junge Frau aus Jordanien angesprochen. Aufgefallen ist Sie mir, weil sie eine so schöne und bunte Strickjacke anhatte. Das ist aber nicht der Grund warum ich immer noch an sie denke. Sie setzt sich seit Jahren für Gleichberechtigung und für die Rechte von Frauen und Mädchen ein. Nach Berlin kam sie um ihren Master zu machen und ist noch immer da um ihrer Arbeit und dem damit verbundenem Aktivismus nachzugehen. Unser Gespräch war total interessant und bereichernd für mich, da Sie mir neue Wege gezeigt hat aktiv im Kampf für Gleichberechtigung zu werden.

Und genau darum geht es mir. Wir können gegenseitig so viel von einander lernen. Natürlich waren nicht alle Passant*innen Weltverbesserer, ich wurde auch oft als „nervig“ beschimpft oder mir wurde stumpf die Hand ins Gesicht gehalten, damit ich bloß nicht auf die Idee komme einen Guten Tag zu wünschen. Jedoch waren das Ausnahmen, die ich den Menschen nichtmal böse nehmen kann. Und die, die sich die Zeit genommen haben um sich anzuhören was ich zu erzählen habe, haben meinen Tag bereichert. Die Gespräche die ich mit „Fremden“ geführt habe, waren ganz schnell nicht mehr oberflächlich. Die „Fremden“ haben alle Namen und sind mir ähnlicher, als ich es je gedacht hätte.

Mir ist aufgefallen, dass vor allem Jugendliche und junge Erwachsene eine Offenheit und ein Interesse für politische und allgemein globale Themen haben. Ältere Generationen sind schnell im Kopf und am Zahn der Zeit. Das kenne ich von Zuhause nicht. Die meisten Jugendlichen leben in ihrer Blase und die älteren Generationen wirken wie eingeschläfert. Ich schätze das Temp der Großstadt hält fit. Außerdem ist Berlin von Gegensätzen geprägt, die es einem nicht erlauben, sich auf dem Status quo auszuruhen.

Egal wo man ist, Berlin hat immer zwei Gesichter. Auf der einen Seite sieht man tolle Altbauwohnungen und moderne Architektur, auf der anderen dafür Plattenbau und unzählige Menschen, ohne Dach über dem Kopf. Die Jugend ist entweder kriminell und verkauft Drogen oder aber studiert soziale Arbeit und trinkt veganen Kaffee in Hipster-Cafés. Genau das macht es aus, ich kenne keine Stadt, die so divers und facettenreich ist, und mich gleichzeitig so fordert mir meinen Privilegien bewusst zu sein.

Auf meinem Heimweg tat mein Bauch weh. Ich will hier noch nicht weg, ich will Berlin weiter kennenlernen. Fühlt sich so an wie Liebeskummer. Ich habe mich letzten Endes nicht in die Stadt Berlin verliebt. Ich habe mich in die Menschen verliebt, die die Stadt als ihr Zuhause ansehen. Und in die Freiheit und die Möglichkeiten, die sie verspricht.

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