Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv (1)
 

Beitragsseiten


Die wichtigsten Schwerpunkte dieser Epoche:
Von der Nächstenliebe zur Professionalisierung

Pflege zur Jahrhundertwende
  • Zunehmende Versorgung der Kranken in Krankenhäusern (zuvor: häusliche Pflege durch teilweise ungelernte Pflegende). Zuwachs an Krankenhausbetten Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts um das Doppelte
  • Krankenversorgung war „Frauensache“. Sie verfügten über ein mitfühlendes Herz, körperliche Zähigkeit, zarte Hand… Außerdem wurde die Krankenpflege den Frauen überlassen, damit sie nicht in die Männerdomäne „Medizin“ eindringen. Die Krankenpflege war in ihren Augen weniger anspruchsvoll und wurde damit dem weiblichen Gehirn gerecht.
  • Es gab vorwiegend Ordensschwestern, die Krankenpflege aus ideologischen Gründen ausübten. Sie waren zusammengeschlossen in christlichen Schwesternschaften und durch das sog. Mutterhaussystem organisiert.
  • Mit Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr die Pflege einen großen Zuwachs durch sog. freie Pflegende. Bürgerliche Frauen, die beruflich tätig sein wollten, arbeiteten in der Pflege. Diese sogenannte freie Pflege war zu dieser Zeit keine angesehene Berufsgruppe. Den Frauen wurden unsittliche Gedanken beim Pflegen von kranken Männern unterstellt, während man annahm, dass geistliche Schwestern aufgrund ihres religiösen Auftrages der Nächstenliebe frei von unsittlichen Gedanken waren.

Die Arbeitsbedingungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Pflege lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: katastrophal. Vor allem freie Schwestern befanden sich in einem völlig rechtloser Status: keine Tarifverträge, Arbeitszeit durchschnittlich 12 – 14 Stunden pro Tag, keine Pausen), die Bezahlung reichte kaum zum Überleben. Persönlichkeitsrechte waren stark beschnitten, z.B. Heiratsverbot für Frauen, kontrollierter Ausgang), Vorschrift von ungesunder Kleidung (eng geschnürte Korsetts).


Ab 1903: Zeit des Fortschritts und der Professionalisierung
  • 1903 Gründung der ersten freien Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands (B.O.) durch Agnes Karll. (Bisher gab es nur Schwesternschaften kirchlicher Träger).
  • 1907 1. Krankenpflegegesetz in Preußen => Einführung einer einjährigen Ausbildung (inkl. Staatlicher Prüfung).
    Die "Vorschriften über die staatliche Prüfung von Krankenpflegepersonen" wurde eingeführt, d.h., die Schwestern und Wärter legten künftig staatliche Prüfungen ab. In Anlehnung an die Vorschriften von Preußen zogen alle anderen Reichsgebiete nach, zuletzt Bayern 1924.
    Verbesserung der Arbeitsbedingungen für ausgebildete Krankenschwestern und Schüler:
    • Arbeitgeber musste sich zur Ausbildung verpflichten
    • AG musste Beitragszahlungen an die staatliche Invaliditäts- und Altersversorgung übernehmen
    • Tägliche Arbeitszeit wurden auf max. 11 Stunden begrenzt
    • Verbesserte Dienstszeiten, gesicherte Pausen und bezahlten Urlaub
    • Sicherung bei Arbeitsunfähigkeit
  • 1912 Einrichtung des ersten Hochschullehrgangs für Oberinnen und Leiterinnen. Von Krankenpflegeschule in Leipzig ins Leben gerufen (Unterrichtet wurden die anatomisch- physiologische Begründung der Krankenpflege, Grundlagen der Volkswirtschaft und Sozialpolitik, Psychologie, Pädagogik)

Zerstörung des Fortschrittes durch den 1. Weltkrieg:
Die Bemühungen zur Vereinheitlichung der Krankenpflegeausbildung und der Arbeitsbedingungen sowie die Zusammenarbeit mit anderen Ländern wurden unterbrochen.

Zustand nach dem 1. Weltkrieg: Die Professionalisierung schreitet langsam weiter voran…
  • 1919 Pflegekräfte dürfen erstmal den bestehenden Gewerkschaften beitreten. Die Gewerkschaften erarbeiten einen Gesetzentwurf über die Arbeitszeit aller Pflegepersonen (max. 8 Stunden Arbeitszeit täglich oder 48 Stunden wöchentlich). Dieser wurde allerdings abgelehnt. Die Ideologie und die Nächstenliebe, die fest mit dem Pflegeberuf verbunden war, stand auch zu dieser Zeit noch an erster Stelle. Nicht nur Krankenhausträger und Chefärzte waren entrüstet, sonder sogar die Schwesternschaften und Berufsverbänden selber. Man wollte nicht mit gewöhnlichen Angestellten/Arbeitern gleichgestellt werden.  Die Ideologie geht dadurch verloren.
  • 1921 Neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung =>zweijährige Ausbildung (die Regelung galt Deutschlandweit).
    Die kirchlichen geführten Mutterhäuser wehrten sich gegen diese Verordnung. Sie waren gegen eine staatliche Regelung, da sie befürchteten, die Pflege werde immer offener für Personen ohne christliche Motivation. Außerdem wollten sie eine staatliche Kontrolle vermeiden. Da sie sehr großen Einfluss hatten, erreichten sie auch tatsächlich, dass die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung zwar eingeführt, aber unverbindlich blieb.
  • 1924 KRAZO - Verordnung über die Arbeitszeit in Krankenpflegeanstalten => Einführung des 10-Stunden-Tag (bei max. 60 Wochenstunden). Eingeführt durch Gewerkschaften. Galt bis 1985!

Wandel im Nationalsozialismus – Stopp der Professionalisierung
Im Nationalsozialismus wurde die Krankenpflege komplett neu organisiert - mit zwei Zielen:
    • Die Vereinheitlichung und organisatorische Straffung der vielen verschiedenen, zersplitterten Berufsverbände
    • Und eine inhaltliche Gleichschaltung, um den Einfluss der Verbände zu steigern, die nationalsozialistische Ziele vertraten
  • 1931 Gründung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Wichtigster Gesundheitsverband während des Nationalsozialismus. Ihm unterstanden alle Hilfswerke und -institutionen, z.B. die Gemeindepflege, Jugendhilfe, Mutter-Kind-Hilfswerk usw.
  • 1933-1936 Umstrukturierung und Auflösung freier Gewerkschaften und Schwesternverbände. Zwangsmitgliedschaft in der DAF (Deutsche Arbeiterfront) für alle Pflegenden.
  • Ab 1936 ausschließlich NSDAP kontrollierte NS-Schwesternverbände, z.B. NSV-Schwesternschaft („Elite-Schwesternschaft“ oder auch „Braune Schwestern“)
  • 1938 Gesetz zur Ordnung der Krankenpflege (reichsweit gültig)
    • öffentliche Krankenanstalten wurden zur Einrichtung einer Krankenpflegeschule verpflichtet (Ziel: Anzahl ausgebildeter Krankenschwestern zu erhöhen)
    • Einbindung der Nürnberger Rassengesetzte (Ausschluss jüdischer Bewerber)
    • Zugangsvoraussetzung: politische Zuverlässigkeit, man musste  „deutschen oder artverwandten Blutes“ sein
    • Die Leitung der Krankenpflegeschulen durfte ausschließlich durch Ärzte erfolgen, die nach nationalsozialistischen Vorstellungen „sittlich und politisch“ zuverlässig waren
    • Die Ausbildungsdauer wurde auf eineinhalb Jahre verkürzt, aber: die Erteilung der Berufserlaubnis erfolgte erst nach einem Jahr der Berufstätigkeit.


Agnes Karll – Reformerin der deutschen Krankenpflege

*25. März 1868 in Niedersachen
  • 1887 A. Karll beginnt mit der „Krankenpflegeausbildung“ im Clementinenhaus in Hannover beim Roten Kreuz.(Ordenshaus). Sie arbeitet dort bis 1890. Bereits in der Ausbildungszeit erkannte sie die gravierenden Missstände in der Pflege und erkannte für sich, dass Änderungen nur möglich seien durch die eigene Initiative.
  • 1891 freiberufliche Pflege in Berlin; Arbeit in der privaten Hauskrankenpflege.
  • 1894 Begleitung einer Patientin in die USA und wurde so mit dem dortigen Krankenpflegesystem konfrontiert, das bereits deutlich fortschrittlicher war als in Deutschland
  • 1896 Erste Überlegungen für die Gründung eines Pflegeverbands.
  • 1901 Agnes Karll muss aus gesundheitlichen Gründen den Pflegeberuf aufgeben, hat sich aber weiterhin für die Arbeitsbedingungen in der Pflege eingesetzt
  • 1902 tat sie sich mit drei weiteren Schwestern zusammen und erarbeitete eine Satzung für einen freien Berufsverband der Krankenschwestern
  • 1903 gründete sie zusammen mit 30 weiteren Schwestern die „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ abgekürzt BO. Arbeitsschwerpunkte der BO waren internationale Zusammenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit. Agnes Karll war der Meinung, dass man an den Missständen in der Pflege nur etwas ändern kann, wenn man die Öffentlichkeit darauf aufmerksam macht.  
  • Zeitgleich setzte sie sich dafür ein, dass sich die Anrede „Schwester“ für alle Pflegenden, auch die freien Pflegenden, durchsetzte. Agnes Karll wollte dies, um eine Abwertung gegenüber der Mutterhausschwestern zu vermeiden, die zu dieser Zeit höheres Ansehen hatten.
  • 17.7.1904 gründeten England, USA und Deutschland den International Council of Nurses - Weltbund der Pflegerinnen(ICN); A. Karll tritt mit ihrer Berufsorganisation dem ICN bei.
  • 1907 In Preußen trat das erste Krankenpflegegesetz und somit die erste Prüfungsordnung in Kraft. Darauf folgte die erste gesetzliche Ausbildung. An der Ausarbeitung der Richtlinien war A. Karll maßgeblich beteiligt.
  • 1909 Agnes Karll wird 1. Vorsitzende (Präsidentin) des ICN
  • 1926 leitet sie nationalen Kongress zur Krankenpflege in Düsseldorf
  • †12. Februar 1927 stirbt Agnes Karll in Berlin an Krebs
Nach dem Tod von Agnes Karll ging es mit dem Verband abwärts. Nachdem er 1933 erst teilweise in seiner Arbeit eingeschränkt wurde, kam 1936 das vollständige Verbot durch das NS-Regime. Die Schwestern mussten sich der Reichsschaft der NS-Schwestern anschließen. Nach dem Krieg wurde der Verband wieder neu aufgebaut, nannte sich aber nicht mehr BO, sondern nach seiner Gründerin „Agnes-Karll-Verband“ (AKV). 1973 schloss sich der AKV mit mehreren Verbänden zum „Deutschens Berufsverband für Krankenpflege“ (DBfK) zusammen.

Diesen Artikel teilen:



Kommentare  

+6 #1 Christian Williams 2013-08-01 20:58
Ziemlich interessant! War sicherlich sehr aufwändig zu recherchieren, oder?
Aber man bekommt einen recht deutlichen Eindruck, was sich hier in den wenigen Jahren alles getan hat!
Da haben wir es doch heute eigentlich richtig gut :lol:

Um Kommentare abzugeben, bitte anmelden bzw. registrieren.