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(Eine Betrachtung von Jörg Krause)

Wie selig waren doch die Zeiten, wo man in der Fußgängerzone allenfalls von den Zeugen Jehovas oder den Scientologen angequatscht wurde, während sich im Hintergrund eine Gruppe von Straßenmusikanten mit „El Condor Pasa“ abmühte. Was sich jedoch seit Ausbruch der Corona-Pandemie abspielt, übertrifft meine schlimmsten Alpträume.

Reptiloide, Chemtrails und andere Idiotien

Ja, auch ich nutze seit etlichen Jahren die Errungenschaften der modernen Kommunikation. Insofern bin ich einiges gewohnt und auch bis zu einem gewissen Grad abgehärtet, was paranoide Wahnvorstellungen angeht, die immer wieder durch die diversen Netzwerke geistern. Sei es die Mär der sog. Reptiloiden,  Chemtrails oder die krude Geschichte von Neuschwabenland und den Reichsflugscheiben. Mitunter waren diese Geschichten für mich –je nach Darstellung- auch total erheiternd, entbehrten sie doch nicht einer gewissen Komik. Manchmal fragte ich mich, ob Jacob und Wilhelm Grimm derartige Erzählungen veröffentlicht hätten, kam aber zu dem Schluss, sie hätten es wohl eher unterlassen. Im Gegensatz zu den Gebrüdern Grimm, die ihre Geschichten eindeutig als Kinder –und Hausmärchen deklarierten, wollen uns die heutigen Erzähler jedoch ihre Hirngespinste als bare Münze verkaufen. Also beließ ich es bei meiner Sichtweise und tröstete mich mit der Erkenntnis, unser Grundgesetz würde wohl auch das Recht auf die eigene geistige Verwirrtheit garantieren, sofern diese eine Gefährdung Dritter ausschließt.

Mit dem Aufkeimen der sog. Reichsbürger, revidierte ich jedoch meine bisherige Einstellung, müsse es sich doch bei den Verschwörungsheinis um den gewissen Prozentsatz von Dorfdeppen handeln, wie sie ja überall auf der Welt anzutreffen sind. Ausschlaggebend für meinen Sinneswandel, war eine Begegnung vor vielen Jahren mit einem Paar mittleren Alters am Rande einer Veranstaltung. Optisch vermittelten die beiden den Eindruck einer gut bürgerlichen Existenz. Nach der üblichen Begrüßungsfloskel, folgte jedoch sofort die Frage, ob ich denn wüsste, dass die BRD (Ja, sie benutzten tatsächlich das Kürzel BRD) gar nicht existiert und in Wahrheit eine GmbH sei und von der internationalen Finanzmafia gesteuert wird. Geduldig und höflich wie ich nun mal bin bzw. war, hörte ich erstmal zu und mich erschreckte der Fanatismus, mit dem die beiden ihr Geschwurbel vortrugen und welches in der Aussage gipfelte, man würde mit vielen Intellektuellen zusammenarbeiten und demnächst eine Organisation auf neutralem Boden –also nicht in der BRD- gründen um den Kampf gegen das „Soros-Banditentum“ aufnehmen zu können. Allerdings benötige man dazu noch viel Geld und man sei nun auf der Suche nach geeigneten Spendern. Gott sei Dank, rettete mich damals ein Bekannter, der mir just in diesem Moment auf die Schulter tippte. Mit einer kurzen Entschuldigung wandte ich mich von dem Pärchen ab und hörte im Gehen nur noch etwas von eindeutigen Beweisen, die man hätte.

So weit, so schlecht.

In der Folgezeit wuchsen die Reichsbürger und bildeten dabei in vielen Fällen eine Symbiose mit den sog. Preppern, eine Bewegung, die sich auf alle möglichen und unmöglichen Endzeit-Szenarien vorbereitet und deren Anhänger wahrscheinlich auf Vorräten von Konserven, Hartkeksen und Toilettenpapier sitzen, die jede Großhandelskette vor Neid erblassen lässt. Dann kamen die Flüchtlinge und es entstanden neue Gruppierungen, die auch gleich neue Wortschöpfungen mitbrachten. Plötzlich hörte ich alleweil etwas von Bevölkerungsaustausch, Umvolkung und Lügenpresse. Da die Nebenwirkungen bekannt sind, will ich hier auch nicht weiter darauf eingehen. Irgendwann krochen dann auch noch die Impfgegner aus ihren Löchern und schwadronieren jetzt vom Big-Pharma-Kartell oder bezweifeln generell die Wirkung von Schutzimpfungen.

Mit Ausbruch der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Beschränkungen, erreicht der Wahnsinn nunmehr einen neuen Höhepunkt. Hätte ein Drehbuch-Autor diesen Plot geschrieben, wäre er wahrscheinlich entweder in der Psychiatrie oder auf Platz 1 der Jahrhundert Trash-Charts gelandet. War es anfangs nur, die mittels Blockflöte vorgetragene und durchaus gut gemeinte Balkon-Interpretation der Ode an die Freude (welch ein Zynismus), die mein Nervenkostüm malträtierte, so sind es jetzt die ganzen Spinner, die mit ihrem geistigen Dünnschiss die medialen Kanäle überfluten. Kaum ein Tag vergeht, wo nicht irgendein Vollidiot eine neue oder abgewandelte These seiner bizarren Weltvorstellung präsentiert. In Anbetracht dieser gequirlten Scheisse, scheint sich mir die Offenbarung des Johannes (13, 1-18) zu erfüllen. Nur ist es nicht das Tier, welches aus dem Meer steigt, sondern der Eintritt der totalen Hirnfinsternis, die etliche Zeitgenossen  befällt.

Ergo, rate ich allen, die sich noch nicht im intellektuellen Zölibat befinden, Abstand zu halten. Abstand zu diesen gemeingefährlichen Spinnern, die unsere offene Gesellschaft beseitigen wollen.

Da ich auf Dauer nicht mehr höflich sein kann und will, rufe ich diesen Spinnern zu:

Verpisst Euch ! Von mir aus nach Neuschwabenland, Mittelerde, Camelot oder in`s Taka-Tuka-Land, aber verpisst Euch !

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