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Ich sehe täglich viele Menschen aus beinahe allen Schichten unserer Bevölkerung. Kunststück, bin ich doch als klassischer Hausarzt in einer durchschnittlichen Kleinstadt mitten in Deutschland tätig. Jeden Tag sehe ich mich mit verschiedensten grösseren und kleineren Problemen der unterschiedlichsten Leute konfrontiert. Viele suchen echten Rat, manche sind verzweifelt, einige wollen nur ein bisschen reden, weil sie einsam sind, wieder andere brauchen Hilfe, um ihre chronischen Erkrankungen in den Griff zu bekommen, ach ja, und dann sind da noch jene; jene die unserem Sozialsystem auf der Tasche liegen. Manche unfreiwillig, manche in höchster Not, manche, denen alles egal ist, aber auch manche, die ganz bewusst die Lücken unseres Systems ausnutzen.

Da sind zum Beispiel die Asylanten. Eine in sich völlig inhomogene Sozialschicht, die häufig über einen Kamm geschert wird. Zu Unrecht. Denn da sind viele Afghanen beispielsweise, die haben oft schlimmste Dinge erlebt, psychisch wie physisch. Dennoch bemühen sich nicht wenige von ihnen rasch Anschluss zu finden in Deutschland, indem sie unsere Sprache lernen wollen. Ein Beispiel eines hochintelligenten jungen Mannes begleitet mich immer wieder. Er kam erst vor wenigen Wochen nach Deutschland. Ins Gespräch kamen wir, als ich ihn fragte, woher die unzähligen Narben auf seinem Rücken stammten. Zunächst schüchtern und vorsichtig, dann aber zunehmend zutraulicher und offener, berichtete er von Auspeitschungen, da er sich geweigert hatte für die Taliban zu kämpfen. Wieviele Schläge das wohl gewesen seien mögen fragte ich; er lächelte scheu und antwortete, er wisse es auch nicht genau, denn nach etwa zehn Schlägen sei er bewusstlos geworden. Nachdem sein Vetter schliesslich aus ähnlichen Gründen umgebracht worden war, entschloss er sich zu fliehen. Über unzählige Stationen gelangte er schliesslich nach Deutschland, wo er sich täglich ein Wörterbuch vornahm, um die deutsche Sprache zu lernen. Warum er keinen Sprachkurs besuche, fragte ich. Er bekomme nur eine Stunde pro Woche genehmigt, antwortete er, und selber könne er sich nichts finanzieren, da er ohne jede Mittel in Deutschland ankam. Ist das gerecht?

Andere kommen hierher und wissen komischerweise sofort, wo die Lücken unseres Systems sind. Der Iraker, der schon lange wissen wollte, warum er mit seiner Ehefrau bislang keine Kinder zeugen konnte. Seine Frau sehe er wahrscheinlich nie wieder, die habe er nämlich im Irak zurücklassen müssen, aber es schade ja nicht mal ein paar teure Untersuchungen in Angriff zu nehmen, da sie ja hier nichts kosten würden. Warum er das nicht schon eher habe untersuchen lassen war meine Frage. Nun, kam spontan zurück, im Irak habe er das ja selber zahlen müssen. Hier seien die Deutschen ja so blöd alles zu bezahlen, also warum nicht auch für ihn. Ist das gerecht?

Der Syrer, der an einer Zuckerkrankheit leidet und erst seit wenigen Tagen in Deutschland ist. Nach einem Aufenthalt in einer Grossstadtklinik, wo er mit allen Medikamenten ausgestattet wurde, die er brauchte, inklusive der entsprechenden Verordnungsschemata, kam es zu einem ungewollten Zusammenstoss mit der Polizei, selbstverständlich völlig unverschuldet, wobei er alles verlor - auch die teuren Insulinpens und -vorräte. Daraufhin gab er sich zunächst mal einige Tage seiner Alkoholsucht hin, um sich dann mit entgleistem Blutzucker erneut in eine Klinik einweisen zu lassen. Hier wehrte er sich mehrere Tage gegen eine rasche Entlassung, entfernte sich aber regelmässig abends von der Station, um nur ja nicht in einen Alkoholentzug zu kommen. Wer bezahlt eigentlich den Alkohol? Wer die Krankenhauskosten? Wer die teuren Medikamente? Ist das gerecht?


Und dann sind da die Arbeitslosen. Regelmässig sehe ich mich mit Leuten konfrontiert, die versuchen auf allen möglichen Wegen an Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu gelangen. Warum, war mal noch relativ zu Anfang meiner Laufbahn meine unwissende Frage. Man sei doch nicht blöd, bekam ich zur Antwort, wenn man das nicht mache, dann werde man nur regelmässig zu irgendwelchen Kursen und Fortbildungen geschickt. Die meisten sind sogar recht plump bei ihren Versuchen. Und weigert man sich mal eine solche Bescheinigung auszustellen, dann gehen die Leute rasch weiter zum nächsten Arzt, der es wahrscheinlich schon aufgegeben hat, sich gegen diese Klientel zur Wehr zu setzen. Ist das gerecht?

Dem Fass den Boden schlägt allerdings eine Deutsch-Russin aus, die ich dieser Tage behandelt habe - vertretungsweise. Nach jahrelanger Arbeitslosigkeit hatte es das Arbeitsamt geschafft, diese dicke träge Frau mit einem unverschämten Pfannkuchengesicht wieder auf den Arbeitsmarkt zu vermitteln, keine wirklich schwere Arbeit, möglicherweise etwas eintönig. Nun war sie gerade mal drei Wochen dort, schon hatte sie keine Lust mehr und wollte von mir eine Krankmeldung wegen diffuser Rückenschmerzen, die eigentlich rasch als simuliert von mir entlarvt werden konnten. Dennoch schrieb ich sie für drei Tage krank und versorgte sie mit Medikamenten, wie das halt so üblich ist. Als sie aber nach den drei Tagen wieder kam und vorwurfsvoll von mir verlangte, weiter krankgeschrieben zu werden, ausserdem benötige sie eine umfangreiche Abklärung durch den Facharzt, da platzte mir der Kragen. Man muss dazu wissen, dass ein Termin beim Facharzt in der Regel erst in drei bis vier Wochen zu haben ist und die Frau selbstverständlich erwartete für diese Dauer krankgeschrieben zu werden. Was der Arbeitgeber in diesem Falle macht, nach drei Wochen Arbeitszeit, das soll sich jeder mal selber ausmalen (- tut er das zu Unrecht?). Ich fragte die Frau jedenfalls frei heraus, ob sie eigentlich arbeiten wolle? Dumme Lamentiererei war die Antwort, so in dem Sinne, dass man ihr gefälligst nicht so schwere Arbeit geben solle. Ob sie sich eigentlich bewusst sei, dass sie möglicherweise ihren Job bald wieder los sei, fragte ich genervt, patzig bekam ich zur Antwort, 'ja wenn ich doch Schmerzen habe, da kann ich nicht arbeiten, das ist doch wichtiger'. Diese Frau mit russischem Akzent in der Aussprache, tat alles, um wieder in die Arbeitslosigkeit abzugleiten und dem Staat nicht nur auf der Tasche zu liegen, sondern ihm auch noch die Schuld zu geben. Ist das gerecht?

Komischerweise sehe ich so gut wie nie Selbständige oder freie Mitarbeiter, die um Krankmeldungen betteln, und wenn sie noch so gerechtfertigt wären. Nein, sie haben Verantwortung, bekomme ich oft zu hören. Verantwortung. Verantwortung. Ich sage es noch einmal, Verantwortung. Kann es sein, dass der Staat den Menschen zunehmend Verantwortung entzieht? Kann es sein, dass sich das Volk zunehmend in die Verantwortungslosigkeit ergibt, wohlgemerkt in ein weiches gemachtes Bett fallend, dass der Staat zu diesem Zweck aufstellt? Die einzige Energie, die man dann noch aufbringt, das ist die, um sich zu beklagen, dass Hartz IV zu wenig sei. Ist das gerecht?

Fraglos sind die von mir geschilderten Fälle Einzelfälle. Fraglos steht es mir nicht zu, zu pauschalisieren. Aber ist unser System noch gerecht? Ich finde nicht. Und tagtäglich werde ich in dieser Ansicht bestätigt. Und tagtäglich frage ich mich, was die Politik eigentlich tut, um die zunehmende Sozialisierung und Zentralisierung aufzuhalten. Wollen die das überhaupt? Ich glaube, dass unser Sozialsystem nicht mehr lange bezahlbar bleibt. Was dann? Griechenland? Viel Spass, Deutschland, auf Deinem weiteren Weg in den Abgrund der sozialen Sicherung.

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Kommentare  

+2 #4 Ernst Probst 2014-07-18 17:44
Wenn jeder ein Grundeinkommen erhält, von dem er leben kann, ohne etwa zu arbeiten, wer wird dann wohl noch etwas leisten? Nur diejenigen, denen es Spaß macht, für Leute zu schuften, die im Gegensatz zu ihnen stinkfaul sind.
+8 #3 uwe drahtmann 2010-06-14 16:49
Das ist echt ein Hammer. Warum liest man so etwas nicht öfter???
+13 #2 Prinz von Bayern 2010-06-01 13:50
Danke für diesen Einblick in das echte Leben. Jedes Absicherungssystem funktioniert nur so lange wie die Zahl der Einzahler größer ist als die Zahl derer die die Absicherung in Anspruch nehmen. Wenn diese Grenze überschritten wird platzt das System. Dieser Punkt kommt täglich näher. :-x
+14 #1 Mike Brinkmann 2010-05-31 12:00
unglaublich schön beschrieben - aber wir leben nun einmal in einem System, in dem die Parasiten straflos davonkommen. Es gibt zu wenig Anreize, diese Zustände nicht auszunutzen. Das fatale daran ist, dass die meisten es auch noch als ihr RECHT ansehen. Da ist meistens nicht ein Hauch von Dankbarkeit oder überhaupt ein Verständnis da, dass man etwas geschenkt bekommt.

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