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Es war einmal eine Frau, die sehr viel hatte und doch nie genug bekommen konnte. Sie lebte in einer großen Stadt im Norden, in einem großen Haus am Ufer eines großen Flusses, und sie hätte zufrieden sein können – sie hatte einen Ehemann, der noch vermögender war, als sie selbst, und zwei Söhne, auf die sie sehr stolz war. Sie hatte zahlreiche Häuser im ganzen Land, und sie war schon um die ganze Welt gereist, von Dubai nach China, von Myanmar nach Singapur – sogar bis nach Sylt.

Doch leider war sie nicht zufrieden, denn auf ihr lastete ein Fluch. Obwohl es ihr so viel besser erging als vielen anderen Menschen, war es nicht genug – es war nie genug. Sie konnte nichts geben, nichts ausgeben, nur nehmen und behalten.

Wenn man Rechtsanwältin ist und in der Elbchaussee wohnt, kann man sich viel leisten. Das heißt, man hat viel Geld, das man ausgeben kann.

Wenn man Rechtsanwältin ist und in der Elbchaussee wohnt, kann man sich auch leisten, nichts auszugeben. Das heißt – nicht das eigene Geld. Man kann sich einladen und beschenken lassen und sparen, was man hat. Daran ist ja nichts Verwerfliches – wer würde sich nicht darüber freuen?

Doch was ist, wenn das nicht genügt? Was ist, wenn das frei Gebotene von jenen, die noch mehr haben als man selbst, das eigene Verlangen nicht mehr stillt? Das ist die Tragödie dieses Fluchs – die Sucht nach Mehr. Wer einmal von den Feenfrüchten gekostet hat, der erträgt es nicht, auf sie zu verzichten. So nimmt man dann von denen, die nichts geben können, weil sie kaum genug für sich selbst haben, und verliert sich selbst jenseits der Grenze von Recht und Unrecht.Bild bei NOSVOX

Ist Renate B. eine Unrechtsanwältin? Möglicherweise. Vielleicht hat sich ihre Arbeit einmal auf Mandanten beschränkt, vielleicht sogar der Gerechtigkeit gedient. Doch dem ist schon lange nicht mehr so – seit Jahren nicht. Nun verteidigt sie sich selbst, und verkleidet ihr Unrecht in der Illusion des Rechts. Doch auch wenn Justitias Augen noch immer verbunden sind, so wird nun zumindest die Wahrheit, mit der Peitsche bewaffnet, aus ihrem Brunnen aufsteigen.

 

   La verité von Jean-Léon Gérôme

Man sehe sich um bei den Reichen und Schönen, denen die Einfluss haben und zu denen die Menschen aufsehen. Irgendwo in ihrer Mitte – meist in Hamburg, oft in Berlin, auch im Osten, ob Nah oder Fern – bewegt sich eine kleine, ältere Frau mit blondierten Haaren. Sie ist leutselig und umgänglich, ihre Stimme ist nicht zu überhören. Sie selbst gehört nicht zur Prominenz, doch sie ist nah genug daran, um sich mit denen zu unterhalten, die wirklich wichtig sind. Ihr Mann ist ein bekannter Rechtsanwalt, auch ihr älterer Sohn ist Jurist. Sie selbst hat eine Kanzlei in Hamburg, kommt ursprünglich aus einem Dorf in der Heide. Man sieht selten, wie sie etwas bezahlt, doch es ist offensichtlich, dass sie Geld hat.

Was sich jedoch niemand fragt, ist woher ein Teil dieses Geldes kommt. Würde man annehmen, dass diese muntere Person, die hier mit Politikern und Wirtschaftsgrößen speist, sich schon auf Kosten eines zwölfjährigen Mädchens ernährt hatte?

Dreißigtausend Euro. Das ist eine beträchtliche Summe – für die meisten Menschen weit größer, als für Frau B. selbst. Doch im Laufe der Jahre hat Frau B. genau diese Summe an sich gerissen und damit ein junges Mädchen – später eine junge Frau – beraubt. In diesem Fall handelt es sich um Unterhaltszahlungen, die Frau B., unter dem Vorwand sie seien für das Mädchen, von dessen Vater eingefordert und schließlich unterschlagen hatte.

Demselben Mädchen hatte sie versprochen, ein Haus für sie zu kaufen. Gekauft hat sie es, und das Mädchen durfte dort einziehen. Als Vermieterin ist Frau B. ihren Pflichten nicht nachgekommen, und die Zahlungen vom Vater hat sie weiter einbehalten. Nun will sie die junge Frau räumen und erpresst sie um wahllose Geldsummen, unter Androhung, ihr sonst das Wasser abstellen zu lassen – pünktlich zu Ostern.

Wer Frau B. näher kennt, weiß was das Wort „treuhänderisch“ aus ihrem Mund bedeutet. So erlebte ein anderer Mandant, der sein Haus zum Schutz vorübergehend an sie überschrieben hatte, dass er es nie mehr zurück bekam. Auch das Mädchen hatte so ihre Erfahrungen gemacht – sie war im Umzug, Frau B. fragte ihre Mutter, was besonders wertvoll und für die Tochter zu schützen sei. Dann nahm sie es mit und behielt es.

Was geht in einem Menschen vor, der so denkt, der so handelt? Gier ist eine schreckliche Droge. I ate and ate my fill, Yet my mouth waters still. Wenn Frau B. das Haus eines anderen betritt, dann erträgt sie kaum, es ohne Beute zu verlassen. Grapschen, nehmen, plündern. Das Mädchen erinnert sich: Allerlei Dinge, Tassen und Teppiche, Dies und Das, Dinge die ihr selbst oder ihrer Familie gehörten, musste sie der Anwältin ins Haus tragen. Dr. B. half dabei – er beschwerte sich, dass seine Frau immer mehr Plunder mitbrachte.

Es war kein Plunder. Es waren Wertsachen, alt und durcheinander geraten. Doch das machte keinen Unterschied. Wer sich alles kaufen konnte und nichts bezahlen wollte, nur sammeln, nehmen, horten, der warf alles durcheinander. Dem war Plunder ein Schatz, und Schätze bloß Plunder.

Endet es so? Hat man einmal vom Koboldmarkt gekauft, sich im Feenwald verloren und nicht mehr zurück gefunden – verliert man dann seine Menschlichkeit? Wenn jeder Entzug versagt, wird man schließlich zu einem Drachen, bildet eisenharte Schuppen und hütet seine Beute? Entsteht das Verlangen danach, andere zu zerstören, aus der Sucht seinen Reichtum zu schonen? Drachen können erlegt werden, Rossettis gefallene Maid wurde geheilt, selbst Scrooge wurde eines Besseren belehrt.

Doch was wird aus Renate B.? Was wird aus einer Frau, die so viel besitzt, jedoch arm ist an Anstand. Die, wenn sie einmal ein Gewissen hatte, es verlor, im Versuch all ihr Hab und Gut zu schützen. Wer kann sie je besiegen? Wer kann sie bekehren?

Das Geld fliegt ihr zu. Sie hat eine lukrative Arbeit. Arbeit bringt Geld. „Arbeit“ – so sagte Frau B. einst zu ihrer polnischen Zugehfrau – „macht frei“. (Diesen Satz sprach sie leicht und gelassen – Anstand und Gewissen hatte sie längst gegen Geld eingetauscht.) Sie ist mit einem Mann verheiratet, der noch mehr hat als sie. Auch geerbt hatte sie nicht wenig.

Wieso muss Renate Elisabeth B. das Geld aus den Taschen derer ziehen, die ärmer sind als sie? Wenn sie einen Bettler auf der Straße sieht, würde sie eine Münze aus seinem Becher nehmen? Vielleicht – wenn keiner hinsieht. Vielleicht sogar dann. Man weiß es nicht.

Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, was sie mit mir gemacht hat. Ich kenne sie sehr gut.

Hier stehe ich, nackt und nass, doch ich habe meine Peitsche. Ich bin die Wahrheit und ich verstecke mich nicht mehr.

 

 

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