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In den USA ist derzeit eine Entwicklung zu beobachten, die langsam nach Europa herüberschwappt. Statuen wichtiger Generäle der Konföderation und von anderen Persönlichkeiten werden abgerissen. Befürworter der Maßnahmen bezeichnen diesen Schritt als Aufarbeitung oder Bewältigung der Sklavenhalterzeit des Landes bzw. von Unrecht. Gegner sehen darin den Versuch, das Geschehene vergessen zu machen. Die Geschichte werde nicht aufgearbeitet, sondern ausradiert. In Deutschland gibt es inzwischen Bestrebungen, Hohenzollern-Statuten zu entfernen. Ähnliches gilt für entsprechende Denkmäler aus der deutschen Kolonialgeschichte. Die Argumente beider Seiten bedürfen der kritischen Prüfung. Historiker können dabei helfen. 

Historiker treffen keine Entscheidungen über Verbleib oder Entfernung 

Zu Beginn ist es wichtig, die Rolle des Historikers zu verdeutlichen. Ihm kommt in Fragen wie diesen keine Entscheidungsbefugnis zu. Er hat lediglich eine beratende und informierende Rolle. In demokratischen Gesellschaften entscheidet die Mehrheit jeder Generation immer wieder, welche Denkmäler erhalten werden sollten. Geschichtswissenschaftler, wie Historiker inzwischen heißen, sollen dafür Sorge tragen, dass dies auf fundierter Basis geschieht. 

Wir müssen für eine störungsfreie Rezeption sorgen. Damit ist die Art und Weise gemeint, wie Menschen historische Prozesse aufnehmen, verarbeiten und zur Urteilsbildung nutzen. Dieser Vorgang verläuft unterschiedlich. Abhängig ist die Rezeption von der eigenen Vorbildung, persönlichen Erfahrungen, dem Einfluss von Autoritäten im persönlichen Umfeld oder auch der emotionalen Betroffenheit. Als Beispiel: Juden aus dem deutschsprachigen Europa haben einen anderen Blick auf den Holocaust als US-amerikanische Baptisten aus der Mittelklasse.

Diese persönliche Rezeption ist manipulations- und störungsanfällig. Die NS- und die DDR-Propaganda seien als augenfällige Beispiele genannt. Die Manipulation kann aber auch sehr viel subtiler und unbeabsichtigt erfolgen. Über Jahrzehnte haben ehemalige Weltkriegssoldaten den nachfolgenden Generationen beispielsweise über eigene Erlebnisse berichtet und so den Mythos der „sauberen Wehrmacht“ erschaffen. 

Dies ist schon deshalb problematisch, da Geschichte eine legitimierende Funktion besitzen kann. Aktuelle Handlungen werden über vergangene Geschehnisse gerechtfertigt. Politische oder gesellschaftliche Debatten kommen in vielen Fällen nicht ohne historische Bezüge aus. Die Macht der Geschichte ist dabei so groß, dass ihr Fehlen zur Anklage werden kann. Kritiker politischer Vorhaben oder Entscheidungen sprechen gerne „von beispiellosen Maßnahmen.“ 

Nichts davon ist prinzipiell schlecht. Geschichte macht einen Teil unserer Identität aus – sowohl als Person wie auch als Gruppe. Das Gefühl der Zugehörigkeit genügt dabei als konstituierendes Element dieser Gemeinschaft. Fans von Fußballmannschaften können beispielsweise aus dem Stehgreif detaillierte Vorträge über Schlüsselereignisse der Geschichte „ihres“ Vereins halten. Die Vergangenheit, obgleich unwiederbringlich hinter uns liegend, ist stets Teil der Gegenwart – entsprechend hat sie auch Einfluss auf unsere Handlungen im hier und jetzt. 

Mit der eigenen Geschichte kann nicht abgeschlossen werden 

Dadurch, dass Geschichte einen Teil unserer kollektiven Identität ausmacht, ist unmöglich, mit ihr abzuschließen oder sie auszulöschen. Es ist nicht so, als wäre dies nicht versucht worden. Im Römischen Reich gab es eine Praxis namens Damnatio memoriae bzw. „Zerstörung des Andenkens“. Demonstrativ sollte alles getilgt werden, was an eine bestimmte Person erinnerte. Namen wurden aus Aufzeichnungen entfernt, Gesichter auf Münzen unkenntlich gemacht und Statuen zerstört. 

Nero, Caligula und Domitian waren beispielsweise Personen, deren Andenken auf diese Weise beseitigt werden sollte. Wir kennen sie noch immer, was einen ersten Eindruck über den Erfolg der Bemühungen vermittelt. Es ist nicht möglich, in der Zeit zurückzugehen und Geschichte ungeschehen zu machen – ganz gleich, was wir in der Gegenwart tun. Es verrät allerdings viel über uns selbst, wenn wir es versuchen. Im 20. Jahrhundert brannten beispielsweise in Deutschland Bücher – es ist eines der Bilder der NS-Zeit geworden. 

Für die aktuelle Diskussion bedeutet dies zweierlei. Die Sorgen der Fürsprecher der Statuen sind unbegründet, dass Geschichte ausradiert werden könnte. Die Hoffnungen der Gegner allerdings ebenfalls, mit gewissen Kapiteln unserer Vergangenheit abschließen zu können. Jede Generation kann sich neu zu Episoden der eigenen Geschichte positionieren – mehr jedoch nicht. Sie bleiben stets Teil unserer Identität. 

Von Statuen lässt sich Geschichte lernen, allerdings nur mit Vorsicht 

Ein anderer Streitpunkt zwischen Befürwortern und Gegnern der Statuen dreht sich darum, ob sich von diesen lernen lässt. Vermitteln diese Geschichte oder sind sie Objekte, die einzig zur Verehrung geschaffen wurden? Die Wahrheit liegt in der Mitte. Hierzu ist ein Blick auf eine Unterscheidung notwendig, die Studierende der Geschichte im ersten Semester lernen, weil sie für die gesamte Disziplin von essentieller Bedeutung ist: Tradition vs. Überrest. 

Tradition meint Quellen, die bewusst für die Nachwelt hinterlassen wurden. Selbst verfasste Memoiren oder idealisierte Porträts von Monarchen zählen beispielsweise zu dieser Gruppe. Überreste sind hingegen Quellen, die nicht für die Nachwelt gedacht waren und durch Zufall die Zeit überdauert haben. Alltagsgegenstände wie Küchenzubehör oder Arbeitskleidung seien hierfür exemplarisch genannt. 

Kurz sei an dieser Stelle auch der Hinweis gegeben, dass „Quellen“ in der Geschichte als Begriff eine andere Bedeutung haben als in anderen Disziplinen oder im Alltagsverständnis. Es handelt sich um Zeugnisse erster Hand, die aus der betrachteten Zeit (bzw. so nahe wie möglich dran) stammen und deshalb einen möglichst direkten Zugang gewähren. Ein Buch eines Historikers über das mittelalterliche Klosterleben ist beispielsweise keine Quelle, sondern Literatur. Eine Schenkungsurkunde an ein Kloster aus dem 12. Jahrhundert ist hingegen eine Quelle. 

Statuten zählen als Quellen zur Tradition. Sie wurden bewusst erschaffen und sollen ein bestimmtes Bild transportieren. Allerdings muss dieses nicht notgedrungen stimmen. Traditionsquellen sind unkritisch mit sich selbst und idealisieren stark, um den Eindruck nicht zu verwässern, der von ihnen vermittelt werden soll. In Deutschland steht eine Statue, die hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel ist: Hermann. Erinnern soll das gigantische Bauwerk an die Varus-Schlacht, in der Germanen mehrere römische Legionen töteten. 

Allerdings steht die Statue am falschen Ort, zeigt keine zeitgemäße germanische Kleidung und der Name des Germanenführers war eigentlich Arminius. Das Hermannsdenkmal wurde im 19. Jahrhundert errichtet und war nicht dazu gedacht, über die Hintergründe der Schlacht möglichst detailliert zu informieren. Vielmehr sollte es zeigen, dass Deutschland eine weitreichende Vergangenheit besitzt, die sich identitätsstiftend für die eigene „Nation“ nutzen ließe. Fertigstellung des Denkmals war dazu passend 1875 – vier Jahre nach der Reichsgründung. Zuvor hatte Wilhelm I. (zu dieser Zeit noch preußischer König) den Bauplatz besucht und die Weiterfinanzierung des Vorhabens ermöglicht. 

Die mehr als 53 Meter hohe Statue offenbart wesentlich mehr über die Zeit ihrer Erbauung als über die Jahre und die Person, an die sie eigentlich erinnern möchte. Dies gilt übrigens auch für die amerikanischen Bauwerke: Die Statuen von Konföderierten-Generälen wurden nicht während des Bürgerkriegs errichtet, sondern in der sogenannten „Jim-Crow-Ära“. Damit ist die Zeit der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten gemeint (1877 bis 1965). Für Historiker sind sie deshalb durchaus interessant, weil es viel über diese fast 90 Jahre der amerikanischen Geschichte verrät, dass Statuen der Generäle der Bürgerkriegsverlierer errichtet wurden. Allerdings waren sie dafür nicht gedacht – was problematisch mit Blick auf die Rezeption der breiten Masse ist. 

Undifferenzierte Urteile sind nicht selten 

Menschen neigen dazu, undifferenzierte Urteile über historische Figuren zu fällen, die schwer korrigiert werden können. Personen sind beispielsweise „gut“ oder „schlecht“. Zwischentöne gibt es selten. Otto von Bismarck ist hierfür ein gutes Beispiel: Der Reichsgründer wird vielerorts positiv gesehen – eben, weil er einen geeinten deutschen Staat erschuf. Allerdings ging der Preuße über Tausende von Leichen in drei Kriegen. Unter Bismarck wurden Deutsche zudem zu Kolonialherren, die brutal und rücksichtslos herrschten (und mordeten). 

Das Urteil über Bismarck fällt über das eigene Wertesystem. Wer den deutschen Nationalstaat für eine wertvolle Errungenschaft hält oder beispielsweise die Sozialreformen des Reichskanzlers als den Grundstock des heutigen Sozialstaats erachtet, bewertet Bismarck positiv. Wer die Kriege verurteilt, schätzt den preußischen Juncker negativ ein. Es fällt schwer, sich selbst ein Urteil der Grautöne zu gestatten und Bismarck beispielsweise zu attestieren, dass die Sozialgesetzgebung das Leben vieler Menschen verbessert hat – auch, wenn sie dazu dienen sollte, der aufstrebenden SPD das Wasser abzugraben. 

Nur: Wer ist moralisch schon nur schwarz oder weiß? An historische Persönlichkeiten werden häufig Maßstäbe angelegt, denen ein Mensch kaum gerecht werden kann. Verantwortlich sind sie dafür nicht selten selbst. Sie inszenieren sich in einer bestimmten Weise, die für immer das Bild von ihnen prägen soll. Dies führt zurück zu den Statuen: Sie lassen keine Grautöne zu, wenn sie nicht im Museum stehen und mit fachkundigen Beischreibungstexten ausgestattet sind. Plaketten, wie sie häufig an Denkmälern zu sehen sind, genügen hierfür in der Regel nicht. Deshalb geht von ihnen die Gefahr aus, undifferenzierte Urteile zu befördern. 

Die Standortfrage 

Nicht immer ist zudem der Standort passend – ganz gleich, wie eng die Figur eigentlich mit den Geschehnissen verbunden ist. Hierfür sei ein einfaches Gedankenspiel genannt: Niemand würde auf die Idee kommen, in Konzentrationslagern Statuen Adolf Hitlers zu errichten. Dies wäre moralisch inakzeptabel. Zudem bestünde die Gefahr, dass ausgerechnet diese Denkmäler zu Wallfahrtsorten von Rechtsextremisten werden. Hitler ist eine der wenigen Figuren, die aufgrund der Einzigartigkeit ihrer Verbrechen tatsächlich als nur „schlecht“ bewertet werden können – hier wird übrigens wieder die legitimierende Funktion der Geschichte ersichtlich. 

Das Beispiel gibt der Diskussion um die Statuen eine weitere Dimension: Sie können einfach nur an den falschen Standorten stehen. Im Süden der USA stören sich beispielsweise viele Menschen an bestimmten Statuen nicht grundsätzlich. Sie empfinden lediglich den Standort als unangemessen. Beispielsweise, weil Generäle der Konföderation in Parlamentsgebäuden aufgestellt sind. 

Fazit: Ehrlichkeit mit sich selbst ist unerlässlich 

Was nun die Antwort auf die Frage angeht, ob Statuen abgerissen, versetzt oder an Ort und Stelle bleiben sollen, so gilt: Alle Beteiligten müssen ehrlich mit sich selbst sein. Die Entscheidung ist in der Regel keine historische: Es geht nicht darum, Geschichte zu bewahren oder abzuschließen. Es handelt sich um eine zeitgemäße politische Auseinandersetzung, in der die Statuen für alle Seiten Symbole sind. Der Kampf um die Denkmäler steht stellvertretend für die Frage, wie sich unsere Gesellschaft ausrichten möchte. 

Die Denkmäler bieten sich hierfür an. Statuen der Hohenzollern sind für die einen ein Symbol für Kriegstreiberei. Andere sehen Förderer der Aufklärung oder nationale Größe. Sie sehen in den Königen Ideale, die sie in der heutigen Zeit als wertvoll erachten. Deshalb gilt: Wer sich in der Frage der Statuen positionieren möchte, darf sich nicht der Illusion hingeben, es ginge primär um die Geschichte. Es handelt sich um eine Entscheidung der Gegenwart für das Hier und Jetzt – die möglicherweise schon vor der nächsten Generation wieder revidiert wird. Bild bei NOSVOX

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