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Als sich im Jahre 1799 die Diskussionen um Rechte und Pflichten der Landstände bzw. der sie vertretenden sog. Landschaftsverordnung oder auch “Universale“ immer weiter zunahmen, befasste man sich vermehrt mit deren Entstehungsgeschichte. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die Stände im Zuge der “Ottonischen Handfeste“ vom 15. Juni 1311, in der Herzog Otto IV. von Niederbayern in Landshut dieses Dokument unterzeichnet hatte, ins Leben gerufen worden waren. Seit 1180, als Otto I. mit Bayern belehnt worden war, hatten die Territorialisierung Bayerns und die Ausbildung der Stände begonnen, sich abzuzeichnen. Bis ins 13. Jahrhundert waren viele der großen Adelsdynastien Bayerns, die die Führungsebene direkt unter dem Herzog besetzten, ausgestorben. Viele kleinere Adelshäuser konnten nun in diese Spitzenstellungen nachrücken. Dadurch entstand eine neue Adelsschicht, der nun wesentlich mehr Mitglieder angehörten als den alten Dynastien. Diese Schicht begann nun, um ein Mitspracherecht zu ringen. Im Zuge der Konsolidierung des bayerischen Herzogtums bildeten sich im Laufe der Zeit drei führende Stände heraus. Diese waren Adel, Kirche und die größeren Städte und Märkte. Als Bayern nach 1290 zwei Jahrzehnte lang in Kriege verwickelt war, entstanden zusätzliche beträchtliche Kosten, die der jeweilige bayerische Landesherr ohne zusätzliche Einnahmen nicht aufbringen konnte. Also wurden Sondersteuern erhoben. Die Bischöfe allerdings widersetzten sich diesen Forderungen, und so war der Adel gezwungen, die verlangten Gelder allein aufzubringen. Am 2. Januar 1302 wurde der Rittertag zu “Snaitpach“ – womit vermutlich das heutige Oberschneitbach bei Aichach gemeint ist – einberufen, auf dem sich der Adel bereit erklärte, seine Güter und Leute mit einer Notsteuer zu belegen, allerdings unter der Bedingung, dass ihm für jede weitere Steuerforderung ein Wi-derspruchsrecht zustand. Herzog Otto IV. erkannte den Zusammenschluss des Adels sowie auch dessen Widerspruchsrecht an. Damit war zunächst einer der drei bayerischen Stände in seiner Grundform entstanden. Als die deutschen Herzöge bald darauf, um 1307 eine Münzerneuerung vorbereiteten, stellten sich diesem Vorhaben nicht nur der Adel, sondern erstmals auch die Prälaten sowie die Städte und Märkte entgegen. Als Otto IV. im Februar 1308 nach einem Feldzug in Ungarn noch eine Notsteuer erheben wollte, widersetzten sich auch diese seinen Forderungen. Dieser Widerstand führte zu der Entstehung der bereits erwähnten “Ottonischen Handfeste“. Darin erkannten Adel, Klöster und Kirchen, Städte und Märkte die Notsteuer an. Im Gegenzug wurde für diejenigen, die die “Handfeste“ ausbrachten, also die Steuer entrichteten, der Besitz der niederen Gerichtsbarkeit bestätigt bzw. erweitert. Nur die so genannten drei Blutfälle und das Gericht über Eigentum und Lehen blieben in der Hand des Herzogs. Der Herzog sah von weiteren Besteuerungsversuchen ab und ließ die Lehensnehmer gegenseitig schwören, dass sie sich bei unrechtmäßiger Behandlung gegenseitig helfen würden. Für geistliche Belange waren seitdem nicht mehr die Bischöfe Ansprechpartner des Herzogs, sondern die grundbesitzenden Kirchen und Klöster, denn einzig der Bischof von Regensburg hatte für sein Hochstift die Handfeste akzeptiert. Die “Ottonische Handfeste“ bildete die Basis für die Verflechtung der sich ausbildenden Landstände mit der Finanzpolitik der bayerischen Herzöge. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde also im Herzogtum Bayern die Ständebewegung begründet. Während des 14. Jahrhunderts, in dem es wieder zu vielen Kriegshandlungen kam, konnten die Stände ihre Stellung festigen; die Fi-nanzierung der Kriege kostete viel Geld, welches die Landesherren nicht ohne weiteres aufbringen konnten. Also waren erneut die Stände gefragt; diese waren mittlerweile in drei Kurien oder Korporationen unterteilt, nämlich in den Adel, die Märkte bzw. Städte und die Prälatenorden . Doch nicht nur die Kriegshandlungen, auch die immer aufwändigere Hofhaltung forderte mehr und mehr Kapital, welches der Herzog in Form von Steuern einforderte. So begann das bis an das Ende der Landschaftsverordnung andauernde Kräftemessen zwischen den Landständen und dem jeweiligen Landesherrn, denn für die Bewilligung der Steuern forderte der Adel im Gegenzug immer mehr Privilegien. Im Jahre 1394 wurde in den Urkunden von Straubing und Landshut und 1395 in der Urkunde von München das Einungsrecht aller drei Stände explizit bestätigt. Außerdem wurde darin das bislang nur dem Adelsstande vorbehaltene Privileg des Widerspruchsrechtes gegen eventuelle neue Steuerforderungen des Herzogs auch auf die anderen beiden Stände erweitert. Nachdem Ober- und Niederbayern im Anschluss an den Landshuter Erbfolgekrieg und den Kölner Spruch Kaiser Maximilians von 1505 wieder vereint wor-den waren, kam es zu Schwierigkeiten, was die Angleichung der verschiedenen Verwaltungsmodi der sich unterscheidenden Landstände betraf. So wurden in Oberbayern bis 1506 die Vertreter des Adels von den Vertretern des Prälatenstandes und der Städte und Märkte gewählt, und umgekehrt. In Niederbayern hingegen wurden die Vertreter der einzelnen Stände von ihren jeweils eigenen Mitgliedern gewählt. Erst auf dem Landtag von 1508 kam man auf einen Konsens: Auf den Landtagen von München und Straubing sollte auf die ober-, auf denen von Landshut und Ingolstadt auf die niederbayerische Art gewählt werden. 1545 schließlich wurde schließlich verfügt, dass jeder Stand seine Vertreter selbst wählen sollte, was besonders dem Adelsstand ein Anliegen war. Die Vertreter der Stände wurden demnach nicht öffentlich gewählt, sondern ergänzten sich durch Kooptation - sie wurden also von bereits vorhandenen Mitgliedern gewählt, wodurch sie eine exklusive, schwer zugängliche Gemeinschaft bildeten. Verhandlungen zwischen den jeweiligen Landesherren und diesen drei Ständen fanden auf den so genannten Landtagen statt. Diese wurden nach Gutdünken des Landesherrn nur sehr unregelmäßig und willkürlich einberufen. Um die Rechte der Landstände zu gewährleisten, wurde zu ihrem Schutz ein dauernder Aus-schuss von 64 (großer Ausschuss) bzw. 16 (kleiner Ausschuss) Kommissären, welche die Interessen der Stände vertreten sollten, ins Leben gerufen. Diese Ausschüsse bestanden zur Hälfte aus Mitgliedern des Adels, zu einem Viertel aus Angehörigen des Prälatenstandes und zu einem weiteren Viertel aus den Bürgermeistern größerer Städte und Märkte. Der große Ausschuss führte während der Landtage die Verhandlungen mit dem Landesherrn, der kleine, die bereits erwähnte “Landschaftsverordnung“, oder auch nur Landschaft genannt, sollte in der Zeit zwischen den Landtagen die Rechte und Privilegien der Stände vertreten. Denn nachdem in Ober- und Niederbayern seit 1669 kein Gesamtlandtag mehr einberufen worden war, wurde der kleine Ausschuss in eine ständige Einrichtung umgewandelt, die jährlich in München zusammentraf. Dieses Kollegium bestand weiterhin aus acht Mitgliedern des Adels, vier Angehörigen des Prälatenstandes und vier Bürgermeistern größerer Städte. Die Landschaft war mit einigen Mandaten, also speziellen Rechten und Privilegien, ausgestattet: So waren sie befugt, Recht zu sprechen, sowie Steuern zu bewilligen, zu erheben und zu verwalten, was sowohl für den Landesherrn, als auch für die Landschaft selbst die wichtigsten Vollmachten darstellte. Immer wieder während des Bestehens der Landschaftsvertretung konnte sie durch die-ses Privileg Druck auf den jeweiligen Fürsten ausüben. Ursprünglich wurden die Rechte und Privilegien auf den Landtagen ausgeübt, die jedoch – wie bereits erwähnt – aufgrund der Willkür des Landesherrn nur ungeregelt abgehalten wurden. Der letzte Landtag in Bayern fand unter der Herrschaft Ferdinand Marias im Jahr 1669 statt. Nachdem dann keine Landta-ge mehr abgehalten wurden, gewann die Landschaftsvertretung, also der kleine Ausschuss, an Bedeutung und hatte fortan allein die landständischen Privilegien zu schützen. Die Landesherren ihrerseits unterstützten die Freiheiten der Landschaft. Die landschaftliche Verordnung in Bayern gewann während der Regierungszeit des Kurfürsten Max II. Emanuel zusätzlich dadurch an Bedeutung, dass sie sich im Zuge des Konfliktes mit Österreich auf die Seite der Österreicher stellte. Nach der Niederlage des Kurfürsten wurde die Landschaft von Kaiser Joseph I. protegiert, der die landschaftlichen Privilegien erneut formell bestätigte, wobei besonders das Steuerbewilligungsrecht eine Rolle spielte. Im April 1715 kam Max Emanuel zurück nach München und musste erfahren, dass die Landschaft in den letzten zehn Jahren 22 259 564 Gulden an Österreich gezahlt hatte – wohl in der Annahme, dass Bayern nach der Niederlage bei Höchstadt im Jahr 1704 mit Österreich verbunden bliebe. Der Kurfürst grollte gegen die Landschaft, die nun befürchtete, aufgelöst zu werden und ihm in finanziellen Dingen großzügig entgegenkam. Zehn Jahre später sollte die Landschaft die Schulden des Kurfürsten übernehmen. Sie erklärte sich bereit, die Verbindlichkeiten zu übernehmen, wurde allerdings durch den Tod Max Emanuels am 26. Februar 1726 von dieser Vereinbarung entbunden. Dessen Sohn und Nachfolger Karl Albrecht versuchte, die ererbten sowie auch die eigenen Schulden erneut auf die Stände abzuwälzen. Wegen seiner überaus unbesonnenen Wirtschaftspolitik waren die 7,5 Mio. fl., die die Landschaft bis zu den Kriegshandlungen in den frühen 1740-er Jahren aufgebracht hatte, eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Der österreichische Erbfolgekrieg (1741-1748) an sich stürzte das Land in weitere Schulden. Der Nachfolger Karl Albrechts, Max III. Joseph , versuchte nun, die Stände völlig zu entmachten. Sein wichtigstes und erstes Ziel lag darin, den Landständen ihre Steuerbewilligungs- und –verwaltungsrechte abzuerkennen. So erließ er am 7. März 1746 eine Personalsteuer, die von allen Untertanen, also auch dem Adel und der Geistlichkeit, entrichtet werde sollte. Die Landschaft verhinderte jedoch diese Personalsteuer mit Hilfe ihres Widerspruchsrechtes. Damit war der Konflikt mit dem Kurfürsten jedoch nicht beendet: Wie bereits seine Vorgänger bemühte sich Max III. Joseph, die Last der Staatsschulden auf die Schultern der Stände zu laden. Er erreichte zwar, dass die Stände im Jahr 1749 ein gemeinsames Schuldenwerk anerkannten, musste der Landschaft jedoch im Gegenzug weitere Privilegien gewähren. In den 32 Jahren seiner Regierung von 1745 bis 1777 versuchte Max III. Joseph einige Male, die Finanzen Bayerns ganz unter seine Kontrolle zu bringen. Alle Bemühungen erwiesen sich jedoch als Fehlschläge – statt einer Schwächung o-der sogar einer Aufhebung der Landschaft erreichte er das Gegenteil: Im Gegensatz zu ihm selbst war die Landschaft Bayerns nämlich kreditwürdig, was ihr ein enormes Machtpotential verschaffte. Zuletzt versuchte Kurfürst Karl Theodor (1777 bis 1799), allerdings ebenfalls vergeblich, die Landstände zu entmachten. Erst Montgelas konnte sich rühmen, die Landschaft bzw. die Landstände ausgeschaltet zu haben. Der erste entscheidende Schritt dazu bestand in der Auflösung der landständischen Klöster , und damit der Abschaffung des Prälatenstandes – nämlich der Säkularisation .

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