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Von Ernst Probst

Neuerdings schalte ich nicht mehr das Autoradio ein, wenn ich in der Stadt unterwegs bin und gut unterhalten werden möchte. Stattdessen blicke ich oft in den Rückspiegel. Und dies nicht, weil ich ständig Angst habe, von Polizeiautos beobachtet, von Gläubigern verfolgt oder von Sonntagsfahrern hinten gerammt zu werden.

Nein, ich schaue vor allem dann in den Rückspiegel, wenn ich im Stau, an einer Ampel, einer Kreuzung, einem Bahnübergang oder Parkhaus warten muss oder mit dem Auto auf einem Parkplatz stehe, um auf meine Beifahrerin zu warten. Was man da so alles sehen kann, stellt jede Fernsehsendung mit versteckter Kamera weit in den Schatten.

Offenbar fühlen sich heutzutage viele Autofahrer/innen in ihrem fahrbaren Untersatz so pudelwohl wie zu Hause, was einiges über ihr Benehmen in den eigenen vier Wänden verrät, und denken keinen Moment daran, dass sie irgendjemand bei ihrem seltsamen Treiben beobachten könnte.

Ein männlicher Hintermann zum Beispiel kratzt sich in seinem Nobelauto unaufhörlich mit dem Mittelfinger am Hinterkopf. Es sieht so aus, als leide er stark unter Schuppen und wolle jetzt endlich diesem lästigen Übel mit einem Fingernagel ein Ende bereiten. Der Stopp an der roten Ampel ist jedoch für eine grundlegende Kopfbehandlung viel zu kurz.

Recht emsig ist auch ein anderer männlicher Zeitgenosse: Er bohrt ungeniert so tief mit dem rechten Zeigefinger in den eigenen Nasenlöchern, dass man fast glauben könnte, er habe gerade eine Geldquelle entdeckt, die er total ausbeuten wolle. Natürlich meint der Nasenbohrer, dies sei doch im eigenen Fahrzeug erlaubt, weil er ja nicht in fremden Leibesöffnungen, sondern in seinen eigenen bohre.

Ein anderer reinlicher Mensch, natürlich wieder ein Mann, will mit Inbrunst seine fleischigen Ohren säubern. Sein Problem ist aber, dass seine Zeigefinger offenbar so dick sind, dass sie nicht weit in den Gehörgang eindringen können. Das Ergebnis sind deswegen keine sauberen Ohren, sondern besorgniserregende Fratzen.

Noch nichts von der Erfindung der Zahnbürste gehört hat ein vierter Mann, der ständig mit einem seiner beiden Zeigefinger in seinem Mund stochert. Es ist mir nicht ganz klar, was er eigentlich will. Möchte er Speisereste zwischen den Zähnen entfernen, ein eigenes oder fremdes Haar von der Zunge holen, das Verschlucken einer Fliege verhindern oder seinen beim Rauchen angesengten Finger kühlen.

Die holde Weiblichkeit hinter dem Lenkrad bietet ebenfalls oft Grund für lohnenswerte Blicke in den Rückspiegel – und zwar nicht nur zwecks männlicher Kontrolle, ob es sich um eine besonders attraktive Dame handelt.

Frauen am Steuer ziehen beim minutenlangen Hantieren mit dem Lippenstift und dem Blick in den Innenspiegel häufig so fürchterliche Grimassen, dass einem heimlichen männlichen Beobachter dabei angst und bange werden kann. Ein Klasse für sich sind Damen, die sich zur lauten Musik ihres Autoradios als ekstatische Sitztänzerinnen betätigen. Das sieht gar nicht selten so aus, als habe sie eine Tarantel in den Hintern gestochen.

Einmal fuhr längere Zeit eine junge Frau mit ihrem Auto dicht hinter mir her, die offenbar kurz zuvor in einen starken Regen geraten war, der ihre Frisur furchtbar in Unordnung gebracht hatte. Sie schüttelte während der ganzen Fahrt ständig heftig ihren hübschen Kopf, als würde sie immer und immer wieder etwas verneinen. Aber sie saß ganz allein und wollte nur den allerletzten Tropfen loswerden.

Männer sind da ganz anders: Sie wissen gute Tropfen sehr zu schätzen, aber das ist schon wieder ein ganz anderes Kapitel ...

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