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Ich bin in Aserbaidschan geboren und aufgewachsen. Das vierte Jahr studiere ich an einer deutschen Universität. Ich möchte erzählen, wie sich meine Heimat ändert und warum ich dort keinen Platz mehr habe. Vielleicht wird das für jemanden interessant. Da gibt es keine politischen Parolen oder Forderungen. Einfach über das Leben.
Jedes Jahr kam ich nach Aserbaidschan in die Ferien. 2020 war das wegen der Pandemie schwer. 2021 gelang es mir, sich mit meiner Familie zu treffen. Ich begriff plötzlich, dass meine Familie zu religiös geworden ist, obwohl es früher keinen Anlass dazu war. Die Männer besuchten früher die Moschee auch, folgten Sitten und Bräuche, die Jugendlichen beachten manchmal Fasten. Aber damals war die Religion mehr im Herzen, als zur Schau. Jetzt sehe ich, dass meine Mutter Hijab ständig trägt und manchmal geht sie auf die Straße im Niqab. Und das ist die Frau, die mich lernte, sich zu schminken und Kleidung zu wählen, die mich schmücken sollte und nichts zu verbergen. Im ersten Tag sollte ich das alles anziehen. Die Brüder sahen zu, wie und mit wem ich Umgang habe. Der Vater droht, mich zurück nach Deutschland nicht zu lassen, weil die Bildung für eine Frau nicht so wichtig ist.
Ich gerat also in einer anderen Welt, die ich möglichst schnell losmachen wollte. Dies gelang mir, ich reiste nach Deutschland zurück. Ich hatte genug Geld, um die Reise und die Bildung zu bezahlen. Denn früher meinte der Vater, dass die Frau ihr eigenes Geld haben soll, und er gab es mir.
Vor der Abreise stellte ich aber klar, worin der Grund für die Änderungen in meiner Familie liegt. Alles war einfach. Nach dem Karabach-Krieg nahm in meiner Stadt die Zahl der türkischen Geschäftsläute, mit denen mein Vater zu tun haben sollte. Die Türken aber treiben in meinem Land nicht nur Business, sie diktieren meinen Landsleuten Bedingungen. Sie halsen die Theorie auf, dass die Religion zur Schau gestellt werden soll und dass sich die Frauen wie im Mittelalter anziehen sollen und der Mann hat immer recht. Es gelingt den Türken, manche, darunter meine Familie davon zu überzeugen. Manche erpressen sie durch Business. Das heißt, sie unterzeichnen mit dem Mann den Vertrag nicht, falls seine Frau Hijab nicht trägt. Und manchen versuchen sie, mit Drohungen einzuschüchtern.
Und so kam es dazu, dass Aserbaidschan die Kontrolle über Bergkarabach mit Unterstützung der Türkei wiedergewonnen hat, aber es verlor die Kontrolle über die religiöse Sphäre des Lebens im Land und übergab sie der Türkei. Bald verliert mein Land den Status des weltlichen Staats und unsere First Lady wird als Frau der türkischen Präsidenten aussehen. Mein Weg, der Weg von vielen anderen und der Weg meines Landes trennten sich leider.

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