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Er war jung, vorsichtig und traurig. Ich spürte seine Melancholie, seine Tiefe. Ich wusste erst nicht, warum er traurig war. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen. Sowieso stellte ich ihm viel zu viele Fragen. Berufskrankheit?

 

Er war zurückhaltend, zögerte, meine Fragen zu beantworten, meine Neugier zu stillen. Schliesslich kannten wir uns gerade mal ein paar Minuten – ich hatte den Tramper bei der Autobahneinfahrt Seewen/SZbild bei nosvox aufgegabelt. Vielleicht spürte er, dass mein Interesse an ihm als Mensch echt war. Denn zwischen Goldau und Küssnacht bekam ich von ihm den Satz zu hören, der alle anderen Fragen überflüssig machte. Worte, die mich die ganze Woche begleitet und zum Nachdenken angeregt haben.

Auf einer Mission?
Seit drei Jahren war der junge Deutsche auf Wanderschaft. Der gelernte Bootsbauer verliess seine Heimat Hamburg, um Asien und Europa zu bereisen. Viel Spannendes muss er gesehen und viele Abenteuer erlebt haben. Ich überlegte mir, was ich an seiner Stelle gemacht hätte – und musste dabei schmunzeln. Der junge Mann aber schien seine Reise weniger als Abenteuer und mehr als Mission zu verstehen.

Ich fragte ihn nach dem Duft der Freiheit, nach der reizvollen Ungewissheit, die man auf Reisen verspürt. Er mochte diese Art von Fragen nicht. Ich wollte wissen, ob er Handy oder Laptop dabei habe. Er verneinte. „Das ist uns Wandergesellen verboten. Und ich will auch nicht ständig erklären, wo ich bin“, meinte er. Ich fragte ihn nach seinen Eltern und Freunden, nach Heimat und Heimweh. Auch solche Fragen gefielen ihm nicht. Gerne hätte ich von ihm ein paar amüsante Geschichten erfahren, doch dazu kam es nicht.

Ein Suchender
Für mich war klar: Er war ein Suchender. Ich verstand ihn. Viele Kontinente und zahlreiche Länder habe ich bereist, bis ich eines Tages voller Schrecken feststellen musste, dass ich auf der Suche nach mir selber war. Zu mir gefunden habe ich jedoch weder in Peru, Indien, Patagonien, Australien, Nordafrika oder Grönland. Weder der Dschungel Boliviens noch der Amazonas Brasiliens oder die Wüste Indiens konnten diese Sehnsucht in mir stillen. Fündig wurde ich an einem ganz anderen Ort.

Schon in der Jugend träumte ich vom Auswandern. In Aufsätzen schrieb ich ausführlich darüber, wie ich mir das Paradies vorstellte. Das Ziel meiner Träume war damals Nordamerika – der einzige Kontinent, den ich nie bereist habe. Während meiner Theaterzeit unterschrieb ich sogar einen Vertrag mit der damaligen Theater-Equipe aus Muotathal. Darin steht unter anderem geschrieben:

„Andrea ist momentan 17 Jahre alt und denkt folgendermassen über ihre Zukunft: Sie will nach Amerika auswandern und nicht in diesem Kaff bei diesen altmodischen Muotathalern bleiben. Sie weiss nicht, warum sie einen Mann heiraten sollte, nur um ihn die Wäsche zu waschen, zu bügeln und zu kochen. Wenn sie ledig bleibt, kann sie immer machen, was sie möchte. In diesem Kaff ist es langweilig und die Leute sind so eigen und verkrampft.“

Heute muss ich darüber lachen. Geheiratet habe ich zwar nicht, Freiheit und Unabhängigkeit sind wichtige Werte für mich. Doch ausgerechnet ich, die reisefreudige Abenteuerin, lebe seit 3 Jahren im Bisisthal! Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass der Zeitpunkt kommen würde, wo ich meine Wurzeln wieder spüren werde. Die Berge geben mir Geborgenheit, den Kühen beim Weiden zuzusehen macht mich glücklich. Und immer wieder spüre ich: in der Ruhe liegt die Kraft. Hier bin ich daheim, ich möchte an keinem andern Ort der Welt leben.

“Ich habe mich verliebt
Der junge Mann muss Ähnliches gesucht haben: Geborgenheit, Wurzeln und Menschen, die ihn verstehen. “Ich habe mich in Schwyz verliebt“, gestand er mir plötzlich. Meine Frage, wo genau er seine Liebe getroffen habe, beantwortete er nicht. Schade eigentlich, denn das hätte ich gerne gewusst. Im Supermarkt? In der Sonderbar? Oder vielleicht doch an der Fasnacht? Viel wichtiger aber war seine Antwort, die mich zum Schreiben dieses Textes bewogen hat: „Ich weiss jetzt, wo ich hin gehöre“, sagte der Deutsche. Er werde in der Schweiz bleiben und bald zu seiner Freundin nach Schwyz ziehen.

Ich kriegte Gänsehaut. Und schwieg. Ich wollte ihn nicht mit weiteren Fragen bombardieren. Ich entschied mich, nichts mehr zu sagen. Doch dann öffnete er sich. Und begann von seinem Leben zu erzählen. Ich war sehr dankbar für diese 30 Minuten Gespräch, für diese Begegnung. Es kann für uns alle so wertvoll sein, fremden Menschen zu begegnen und unser Zuhause, unsere Schweiz, zu einem Ort der Gastfreundschaft zu machen.

Vor ein paar Wochen sagte eine Bekannte zu mir, dass sie neidisch auf mich sei. Ich fragte nach dem Warum. Sie antwortete: “Du bist verwurzelt, du wirkst auf mich sehr glücklich. Ich habe dieses Gefühl von Heimat bisher nicht gefunden.” Wurzeln, so glaube ich, brauchen wir alle. Manchmal verleugnen wir sie – oder suchen sie in der Ferne. Vielleicht spüren wir auch erst in einer Krise, wie wichtig sie sind. Denn Wurzeln sorgen dafür, dass wir auch in schwierigen Lebenssituationen den Halt nicht verlieren. Ich wünsche allen Menschen, dass sie diesen Ort der Geborgenheit finden werden.

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