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Der 9. November 1989. Was ein schrecklicher Tag! Damals offenbarte mir meine damalige Lebensabschnittsgefährtin das sie sich in ihren Professor verliebt hatte. Scheiße. Dummerweise wohnten wir zudem auch noch in ein und derselben WG. Donaustraße, Neukölln. Unweit des Maybachufers am Landwehrkanal.   Hier, am frühen Abend unter den alten Trauerweiden, ergab ich mich in der einbrechenden Dunkelheit dem Liebesleid, heulte Rotz und Wasser, während mir gegenüber der Todesstreifen in grellem Licht erstrahlte. Ob die beiden Verteidiger des antifaschistischen Grenzwalls schon mitbekamen was sich da gerade in diesem Moment in ihrer Volksrepublik zusammenbraute? Ich jedenfalls hatte keine Ahnung. Und es wäre mir in dieser Situation auch vollkommen egal gewesen. Dementsprechend anteillos war die Reaktion auf meinen Mitbewohner und sehr guten Freund, als er mir, nachdem ich wieder zu Hause war, von einer seltsam geladenen Atmosphäre in der Stadt erzählte. Es hieße die Mauer fällt.  Wir sollten unbedingt schauen was da vor sich ging. Eigentlich war mir nur nach Leiden, doch plötzlich sah ich mich meinem Freund hinterher trottend wie ein begossener Pudel. Ziemlich betreten und geistlos. Zunächst folgten wir dem Landwehrkanal bis zu dem Teil der Mauer, der die schlesische Straße von der Putschkinallee trennte. Doch nichts. Wie immer tote Hose. Erst ein Stück weiter Richtung Übergang Oberbaumbrücke erfüllte ein wachsendes Gegröle die Berliner Luft. Es waren vor allem jüngere Leute in geschmacklosen Trainingsanzügen, die dort in großen Gruppen lautstark die Spree überquerten. Damals, an jenem Fuß-Übergang für pensionierte Ost-Rentner.  Doch selbst dieser spektakuläre Anblick änderte noch immer nichts an meiner Zombiestimmung. Auch nicht als wir spaßeshalber einmal in den Osten und wieder zurück spaziert sind und uns beim Eintreten in Recht und Freiheit zum Empfang als erstes Coca-Cola und Wrigleys Kaugummis in die Hände gedrückt wurden.

Schnell liefen wir weiter, beziehungsweise dackelte ich hinterher. Den Übergang Heinrich-Heine-Straße erinnere ich nicht.  Allerdings mag es weniger an meinem Liebesleid gelegen haben als daran, das sich dort tatsächlich nichts abspielte. Im Gegenteil zum Checkpoint Charlie. Hier war schon die Hölle los.  Unzählige Menschen. Anscheinend hatten sie erst gerade im Moment damit begonnen, auch Fahrzeuge hinüber zu lassen. Es knatterte aus Trabant-Auspüffen,  Sektkorken knallten, Freudegeschrei, Umarmungen von Wildfremden und langsam aber sicher das Ende meiner Lethargie. Doch wir blieben nicht lange, sondern folgten dem Grenzverlauf auf der Westseite bis zum Brandenburger Tor.  Dort schien alles noch recht überschaubar, turnten nur ein paar dutzend Personen auf der Mauer herum, die einzig an dieser Stelle breit genug zum Tanzen war. Junge Menschen wie wir,  eher alternativ, Studenten, flippig, zogen uns hinauf und man begrüßte sich wie den sympathischen Teil der Familie. Super Stimmung! Unten, auf der Ostseite, reihten sich währenddessen unzählige Vopos, denen genauso wie uns Wein, Bier oder Sekt angeboten wurde. Ihre Gesichter sprachen Bände. Vollkommen perplex, ziemlich  nervös und unbeholfen,  versuchten sie  immer wieder Leute daran zu hindern auf ihre Seite zu springen.  Doch schließlich gaben sie auf,  rückten ab und begannen sich erneut zu formieren. Nun aber von uns aus gesehen hinter dem Brandenburger Tor und vor ihren eigenen Leuten. Was sie wohl dachten, als sie all die imperialistischen Kapitalisten auf ihren Todestreifen urinieren sahen?

Eben noch keine einzige Kamera, standen plötzlich ganze Bühnen auf der Westseite, und richteten mächtige  Scheinwerfer gen Mauer.  Auf der wurde es mittlerweile richtig voll und bunt. Schnöselige Anzugsträger tanzten Arm in Arm mit versifften Punks den Mauertogo. Es ging immer wilder zu und es schien als würde der Alkohol aus unerschöpflichen Quellen fließen. Mir nichts Dir nichts hast Du eine Flasche unverschämt teuren Schampus in der Hand. Und je mehr Spießer auf die Mauer kletterten, desto weniger mangelte es, ja desto teurer wurden die Getränke für die, die sie bestellten und sich liefern ließen.  Die Grenzen zwischen den Klassen verschwommen, lösten sich gänzlich auf. Überall Freudentränen, Überschwang, Umarmungen. Ein riesen großer Rausch! Und auch ich konnte bald nicht mehr anders als mich richtig glücklich zu fühlen. Da sah ich gen Osten und dachte „Endlich! Endlich bist du offen! Endlich Ende Krieg! Endlich Schluss mit Stuss“ und ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit übermannte mich. Ein Gefühl wie man es nur auf einer Mauer haben kann, deren Fall genau den Frieden bedeutete, den sich die Menschen auf beiden Seiten seit Jahrzehnten von Herzen wünschten.  Aus mit der Bedrohung! Schluss mit den Schikanen! Es war wie der Beginn eines neuen Zeitalters. Der Beginn der Herrschaft der Vernunft. Und ich war glücklich besoffen, wackelte dementsprechend so im Morgengrauen nach Hause. Doch schon am nächsten Tag wehten überall die deutschen Flaggen… 

Thomas Kewitz, bekennender Antinationalist. 

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