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Chunk Food

 

Mundgerechte Häppchen für das Arbeitsgedächtnis

im Hinblick auf ein organischeres Textverständnis mit Hilfe des Ampelsystems,

eingebettet in die Handlungssteuerung des Menschen

 

Autor: Björn Bollermann

 

Sowohl im Rahmen einer achtjährigen als auch einer neunjährigen Schullaufbahn, ist die Fähigkeit zur Informationsaufnahme eine der wichtigsten zu erlernenden Kompetenzen an weiterführenden Schulen. Besonders der Aspekt des Leseverstehens1 ist hier von großer Bedeutung. Auch in Zeiten von kooperativen Lernformen ist es für Schülerinnen und Schüler wichtig Texte zu lesen, diese zusammenzufassen und auf dem Weg zum Abitur auch zu analysieren. Angelehnt an den Trend der Kompetenzorientierung2, der sich derzeit fächerübergreifend in allen Curricula wiederfindet, ist es eine Aufgabe von Schule, die zentrale Kompetenz des Leseverstehens bei den Schülerinnen und Schülern sukzessive zu verbessern. Die Lesekompetenz ist die Grundlage dafür, Sachverhalte hinreichend zu analysieren und im Anschluss zu bewerten3.

 

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wird im Folgenden einerseits der Prozess des Lesens im schulischen Kontext in den Mittelpunkt gestellt, genauer gesagt das aufgabenorientierte Dekodieren von Informationen mithilfe eines besonderen Markierungssystems, dem Ampelsystem. Die Basis hierfür bildet eine wissenschaftliche Begründung wie dieser Leseprozess, entsprechend der Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses, optimiert werden kann. Es bedarf nicht nur der Schaffung übergeordneter Sinneinheiten, den so genannten Chunks, sondern auch einer dosierten Nutzung dieser, um das Arbeitsgedächtnis nicht zu überfrachten. Das Ampelsystem erfüllt hierbei die Funktion einer neurobiologisch optimierten Visualisierungsmethode, um wichtige Informationen im Rahmen einer aufgabenorientierten Filterung sichtbar zu machen.

 

Andererseits enthält der Artikel eine Erläuterung, warum es aus lernpsychologischer Sicht und für die nachhaltige Nutzung der hier vorgestellten Methode aus Schülersicht wichtig ist, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in Bezug auf die bewusste Steuerung von Handlungen zu verstehen.

 

 

Methodisches Vorgehen im Rahmen des Leseprozesses

Um einen Text strukturiert und im Sinne einer Aufgabenorientierung bearbeiten zu können, empfiehlt sich die Nutzung eines Markierungssystems. Eine Variante ist das sogenannte 'Ampelsystem', welches angelehnt an die Straßenverkehrsordnung die Farben Rot, Gelb und Grün enthält. Die Farben sind hierarchisch geordnet. Die Auswahl der drei Farben muss sich nicht zwingend an der Ampel orientieren, um in der Praxis zu funktionieren. Sie hat aber in dieser Anordnung und Hierarchie einen wissenschaftlichen Hintergrund4. Möchte man das System langfristig in die eigenen Arbeitsprozesse integrieren, empfiehlt es sich die Farben nicht auszutauschen, da die in der übergeordneten Farbe markierten Inhalte (hier Rot) für das Gedächtnis als sogenannte Anker fungieren.

Die farbliche Kodierung von Gedächtnisankern ist für den Prozess des Chunkings von großer Bedeutung. Da sie die Basis für die Überführung von Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis bilden, ist es sinnvoll, hierfür eine Signalfarbe wie Rot auszuwählen. Durch die in unserem Kulturkreis festgelegte Bedeutung dieser Farbe als Stopp-Signal5, wird ein visueller Triggerpunkt als Grundlage für das Speichern geschaffen. Analog zu dem in den modernen Kulturwissenschaften häufig verwendeten Konzept der `media literacy´6, soll das Ampelsystem durch die Verbesserung der `visual literacy´7 einen Nährboden schaffen, um die Textverständniskompetenz eines Lesers zu erweitern. Dies soll erreicht werden, indem ein visueller Zugang geschaffen wird, Textverständnis-, Analyse- und Bewertungsprozesse zu optimieren.

Nach Abschluss des Markierungsvorganges sind die aufgabenbezogenen Anker und Inhalte nun nicht nur visuell unterschiedlich markiert sondern auch nach Einzelaspekten und Wichtigkeit geordnet.

 

"Das 'Ampelsystem' ist demnach ein multifaktorielles Dekodierungssystem, durch welches das aufgabenorientierte Textverständnis basierend auf der Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses verbessert wird."

 

Warum sowohl die farblich unterschiedliche Herausstellung von Einzelaspekten als auch eine hierarchische Einordnung wichtig sind, wird nachfolgend erläutert.

Als Grundlage dient das bereits 1955 entwickelte Konzept von George A. Miller zu sogenannten 'Chunks'8, also der Bildung von Sinneinheiten. Das Ampelsystem entwickelt dieses Konzept durch die Hinzunahme der Aspekte Visualisierung und Hierarchisierung weiter. Millers Untersuchungen zur Speicherkapazität des Arbeits- bzw. Kurzzeit-gedächtnisses gelten bis heute als Referenz auf diesem Gebiet.

Mitte der 1960er Jahre war es der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault, der im Rahmen seiner Diskurstheorie9 den Weg dafür ebnete, dass wir heute, sechs Jahrzehnte später, Texte nicht mehr nur auf einer rein deskriptiven Ebene rezipieren, sondern diese durch Analyse und Bewertung mit eigenem Sinn belegen, also eigene Bedeutungsebenen konstruieren.

Basierend auf der allgemein gültigen Rezeptionstheorie10 im Rahmen einer konstruktivistischen Bildung individueller Realität, wird dem Leser eine interaktive Rolle beim Textverständnis zugesprochen. Es scheint sinnvoll, auf Hilfen zurückzugreifen, um so einer komplexen Anforderung gerecht zu werden.

Eine Verbindung des Chunkings und der Textrezeption liegt nahe, da so die Dekodierung eines Textes entsprechend der Arbeitsweise des Kurzzeit-gedächtnisses vollzogen werden kann.

 

Es fehlt bisher jedoch eine neurobiologisch valide Visualisierungsmethode, um Chunks und ihre Bedeutungszusammenhänge adäquat sichtbar zu machen. Das hier vorgestellte 'Ampelsystem' tut genau dies. Legt man den bis heute geltenden Forschungsstand zur Speicherfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses zugrunde, kann ein holistisches, aufgabenorientiertes Textverständnis ohne ein solches Markierungssystem gar nicht stattfinden.

 

 

T r a n s p a r e n z

Bevor die Lehrperson diese Methode an eine Lerngruppe weitergibt, muss zunächst ein wichtiger Schritt erfolgen. Aus lernpsychologischer Sicht11 und im Sinne der Handlungsorientierung12 ist es unabdingbar den Schülerinnen und Schülern transparent zu machen, warum gerade diese Methode, die mit einem Mehraufwand verbunden ist, die eigenen Arbeits- und Merkprozesse optimieren kann.

Die wissenschaftliche Erläuterung zur Funktionsweise des Gehirns und des Arbeitsgedächtnisses kann zu Beginn dazu genutzt werden ein Fundament zu schaffen, so dass die Schülerinnen und Schüler bei der Anwendung eine Sinnhaftigkeit im eigenen Tun erkennen, da es sich bei dieser Methode um eine sehr organische, dem menschlichen Gehirn angepasste, handelt. Orientiert am didaktischen Prinzip `Vom Einfachen zum Komplexen´, kann durch einen kurzen Lehrervortrag [deduktives Vorgehen] oder aber durch eine vorbereitete Lernumgebung [induktives Vorgehen] die Nutzung des Ampelsystems vorentlastet werden. Hierbei müssen zwei hermeneutische13 Ebenen voneinander unterschieden werden:

1. Hermeneutik auf neurobiologischer Ebene   →   mit dem Ziel der freiwilligen Nutzung des Ampelsystems

2. Hermeneutik auf sachpraktischer Ebene   →   mit dem Ziel das Leseverstehen zugunsten von Analyse- und Bewertungsprozessen zu optimieren

Zuerst gilt es neurobiologische Grundlagen transparent zu machen um zu legitimieren, warum überhaupt ein Markierungssystem, welches mit Mehraufwand verbunden ist, eingesetzt werden soll. Hierzu kann das von Professor Kuhl entwickelte PSI-Modell14 zu Hilfe genommen werden, welches unter anderem die Funktionen und Prozesse präfrontaler Hirnstrukturen schematisch herunterbricht und die zentrale Bedeutung des präfrontalen Cortex zur Handlungssteuerung herausstellt.

Schon die Aufschlüsselung des Akronyms PSI, Persönlichkeits-System-Interaktionsmodell, impliziert, dass ein erteilter Arbeitsauftrag oder auch ein zu nutzendes System vor Arbeitsbeginn vom Individuum zunächst auf dessen Sinnhaftigkeit und subjektive Gültigkeit überprüft wird. Dies geschieht in der rechten, vorderen Hirnhälfte, dem sogenannten Geschäftsführer. Hier wird bereits die Entscheidung bezüglich der späteren Handlungssteuerung getroffen, unter anderem wie motiviert die gestellte Aufgabe anschließend in den übrigen Teilen des Gehirns geplant, durchgeführt und reflektiert wird.

 

PSI-Modell:   Schematische Darstellung zur Handlungssteuerung des Menschen

Bild bei NOSVOX

Abbildung 1

 

Ein bestehendes System wird von der Persönlichkeit eines Menschen nur dann akzeptiert und intrinsisch motiviert verwendet, wenn dieser Mensch die dargelegte Systemstruktur für sinnvoll erachtet. Erfolgt keine vorherige Erläuterung, warum wie in diesem Fall das Ampelsystem benutzt und ein Mehraufwand betrieben werden soll, ist die Gefahr groß, dass die Verwendung nur unter Zwang stattfindet, bei freier Entscheidung aber, niemals gewählt werden würde.

Auch auf der zweiten, sachpraktischen hermeneutischen Ebene kann das PSI-Modell genutzt werden, um den Schülerinnen und Schülern näherzubringen, dass sich die Struktur des Ampelsystems auf der Funktionsweise des Gehirns basiert. Die spezifische Anwendung des Markierungssystems orientiert sich an neuro-biologischen Abläufen des Arbeitsgedächtnisses, weshalb das dreifarbig abgestufte Markieren an dessen Speicherkapazität angepasst werden muss.

 

Im Optimalfall entwickelt sich nach der Transparentmachung bei den Lernern auf den beiden hermeneutischen Ebenen eine intrinsische Motivation dieses System zu nutzen. Dieses Vorgehen soll den Schülerinnen und Schülern aufzeigen, dass durch die Nutzung des Ampelsystems bessere Ergebnisse bei der Bearbeitung von Texten erzielt werden können. Nicht zuletzt, kann dies auch zu besseren Noten führen.

Dieses Vorgehen orientiert sich zudem am Konzept des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens in der Institution Schule. Schülerinnen und Schülern wird auf diese Art und Weise ein 'Powertool' an die Hand gegeben, welches Lernen konzeptionell und fächerübergreifend langfristig optimieren kann.

 

 

Wissenschaftliche Legitimierung der Methode `Ampelsystem´

Das im Rahmen der Bildung der Arbeitshypothese angeführte System von Miller zur Bildung von Sinneinheiten, den sogenannten 'Chunks', stellt die wissenschaftliche Basis der Entwicklung des hier zu legitimierenden 'Ampelsystems' dar.

Da das Zusammenziehen einzelner Informations-elemente zu Sinneinheiten eine Vervielfachung der Arbeitskapazität des Kurzzeitgedächtnisses zur Folge hat, erscheint es im Kontext eines optimierten Verstehens ganzer Texte sinnvoll, diese Sinneinheiten sichtbar zu machen15. Nur so kann die zuvor erwähnte Filterung relevanter Informationen aus einem Fließtext kenntlich gemacht werden.

Millers Konzept bildet bis heute das Fundament der Gedächtnisforschung, wurde in 70er und 80er Jahren in ein konstruktivistisches bzw. subjektives Text-verständnis eingebettet. In Bezug auf das Verständnis eines ganzen Textes bedeutet dies, dass Chunks nicht nur isolierte Phänomene sind sondern, dass der Leser einen subjektiven Gesamtzusammenhang aus allen Chunks herstellt, der sich aus deren Inhalten und denen in der eigenen Lebenswelt gemachten Erfahrungen konstituiert16.

 

Was bereits bekannt ist:

Bei denen von ihm zusammengefassten Studien beschränkt sich George A Miller auf die Bildung der jeweils nächst größeren Sinneinheit, ausgehend vom Einzelbuchstaben, über Wörter bis hin zu ganzen Sätzen und einer Aneinanderreihung dieser. Durch 'Chunking', also die Zusammensetzung beliebig angeordneter Buchstaben zu lexikalischen bzw. semantischen Einheiten wie Wörtern oder Sätzen, gelang es den Probanden mehr Informationen in ihrem Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis zu speichern. Der Titel seiner Arbeit, „Die Magische Zahl 7“, rührt daher, dass auf jeder Ebene, Buchstaben und Wörter, die Anzahl 7 [+-2] die Grenze darstellt, wie viele Informationen das Arbeitsgedächtnis gleichzeitig speichern kann17.

Miller beendete seine Untersuchungen und die Überprüfung seiner Hypothese allerdings auf Satzebene als größte semantische Einheit, er trifft dabei keinerlei Aussagen über deren Auswirkungen auf ein komplexes Textverständnis oder gar die Analysekompetenz.

 

Was dieser Artikel hinzufügt:

Durch die Nutzung eines Markierungssystems, welches auf Basis der ausgewählten Farben Rot, Gelb und Grün den pragmatischen Namen 'Ampelsystem' trägt, soll Millers Prinzip des 'Chunkings' genutzt, erweitert und visuell unterstützt werden, um komplexe Textinhalte dem Arbeitsgedächtnis einfacher zugänglich zu machen. Durch eine aufgabenorientierte Markierung ausgewählter Inhalte mit unterschiedlichen Farben, wird nicht nur eine visuelle Basis für das 'Chunking' geschaffen sondern gleichzeitig werden Informationen hierarchisiert. Die Kombination beider Aspekte dient dazu, das Textverständnis zu optimieren. Vor allem im Bereich Schule kann dieses System eine Grundlage dafür sein, um Texte einer differenzierteren Analyse und Bewertung unterziehen zu können.

Während sich die roten Markierungen am Prinzip des 'Chunkings' orientieren, werden die untergeordneten grünen und gelben Markierungen entsprechend des Prinzips des 'Vokabellernens anhand von Wortfeldern' erstellt. Grün und gelb markierte Inhalte werden hierbei dem jeweilig rot markierten Chunk zu- und untergeordnet. Insgesamt entsteht so ein System kontextualisierter Sinneinheiten; deren Kontext ist natürlich vom Filter, also der jeweiligen Aufgabenstellung abhängig.

Durch den Einsatz eines mehrfarbigen Markierungssystems werden dem Arbeitsgedächtnis gleichzeitig zwei Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, entsprechend seiner natürlichen Funktionsweise leistungsfähiger zu arbeiten. Entsprechend des Prinzips des 'Skimming', also des Überfliegens eines Textes, kann das Ampelsystem nach dessen Nutzung sowohl zur gezielten Reaktivierung als auch aufgabenorientierten Bearbeitung eines Textes genutzt werden.

 

Chunks und das Ampelsystem fungieren als Katalysatoren, um Merkprozesse zu optimieren. Um Inhalte abstrahieren und miteinander kombinieren zu können, müssen diese zunächst präsent, also abrufbar sein. Diesen Prozess kann man in zwei Phasen unterteilen:

 

In der ersten Phase erfolgt eine Präsentmachung des Inhalts bzw. des aufgabenorientierten Filters durch die Nutzung des Ampelsystems. Der Fokus liegt hier auf der Strukturierung aber auch auf einer effektiveren Ausnutzung der Kapazität des Arbeits- und Kurzzeitgedächtnisses. Die Nutzung im Rahmen einer spezifischen Aufgabenstellung wird durch die dreistufige Farbcodierung insofern unterstützt, als dass die visuelle Exponierung von Inhalten ein zielgerichteteres Arbeiten ermöglicht und durch das Prinzip des Chunkings die Merkfähigkeit erhöht18. Bezogen auf Hirnareale finden diese Prozesse noch rein im Kurzzeitgedächtnis statt.

In der zweiten Phase können die in Rot markierten, übergeordneten Chunks dazu genutzt werden, die Inhalte ins Langzeitgedächtnis zu übertragen; falls dies gewünscht ist. Hierbei ist es dem Gehirn nun möglich die erstellten Chunks sowohl als Gedächtnisanker als auch als Inhaltsanker für die in Gelb und Grün markierten Informationen zu nutzen. Um eine möglichst gute Übertragung gewährleisten zu können, ist es nach der Nutzung des Ampelsystems notwendig, die behandelten Inhalte in regelmäßigen Abständen zu reaktivieren19, da bei der Speicherung mehrere Hirnareale beteiligt sind.

 

Langfristig geht es darum, effektiv Informationen auf der inneren Festplatte speichern zu können. Durch das 'Ampelsystem' wird so ein Nährboden für Analyse- und Bewertungsprozesse geschaffen. Chunks im Allgemeinen und das 'Ampelsystem' im Speziellen führen langfristig zu einer Optimierung von Speicherprozessen20, da bei regelmäßiger Anwendung zunehmend häufiger auf gespeicherte Inhalte zurückgegriffen werden kann.

 

Dies hat die Ausbildung eines immer größer werdenden Wissensspeichers zur Folge und es entsteht eine Art kognitiver Freiraum im Arbeitsgedächtnis, in dem nun die vorhandenen Ressourcen mit der akuten Nutzung des Ampelsystems zu einer bestimmten Aufgabe kombiniert werden können. So können qualitativ bessere Ergebnisse im Rahmen von Analyse- und Bewertungsaufgaben erzielt werden.

Die Analyse- und Bewertungskompetenz stehen hierbei in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Speichern von Informationen, da nur auf Basis bereits gespeicherten Wissens, Inhalte selbsttätig miteinander kombiniert werden können. Um sich also ein Urteil über Sachverhalte bilden zu können, muss der Mensch auf Material zurückgreifen können, welches als Grundlage der Entscheidungsfindung dient21.

Während die heute allgemein gültige Rezeptions-theorie [vgl.S.2, Z.105] die erkenntnistheoretische Begründung liefert, warum der Leser eine interaktive Rolle im Leseprozess einnimmt, liefert das Ampelsystem die lernpsychologische Grundlage diesen Leseprozess im konstruktivistischen Sinne zu optimieren.

 

 

S c h u l p r a x i s

Jedem Markieren eines Textes geht eine Filterung bestimmter Informationen voraus. Im Kontext von Schule wird dieser Filterprozess in der Regel durch eine bestimmte Aufgabenstellung eingeleitet, die die Lerngruppe im Unterricht oder aber im Rahmen einer Klassenarbeit/ Klausur bearbeiten soll. Auf diese Art und Weise erfüllt Schule seit Jahrzehnten eine zentrale Voraussetzung, die McNab und Klingberg im Jahre 2007 zur Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ansprechen. In ihrer Abhandlung darüber, inwiefern die Aktivität im präfrontalen Cortex und den Basalganglien den Zugang zum Arbeitsgedächtnis steuert22, wird erläutert, dass je nach Input nur ein gewisser Grad an relevanten Informationen gespeichert wird. Irrelevante Informationen werden direkt herausgefiltert. Eine Aufgabenstellung stellt zunächst also einen gewissen Grad an Konkretisierung dar, um den Dekodierungs-prozess im Rahmen des Lesens zu kanalisieren.

Gelingt es einer Lehrkraft durch adäquate Formu-lierungen und die Nutzung aufgabenspezifischer Operatoren gut verständliche Aufgaben zu stellen, wird zudem den Erhebungen von Marilyn L Turner Genüge getan. In ihrem Artikel „Ist die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses aufgaben-abhängig“23, erläutert Turner auf Basis ihrer Studie, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Leseverstehen und der Komplexität der zugehörigen Aufgabenstellung besteht.

 

Auf den ersten Blick scheinen die Mechanismen im System Schule in Bezug auf die Stellung und Bearbeitung bestimmter Aufgaben wissenschaftlichen Ansprüchen standzuhalten.

Hinzu kommt, dass Lehrerinnen und Lehrer die Schüler immer wieder darauf hinweisen, dass es von Bedeutung ist, wichtige Informationen in einem Text zu markieren.

 

ABER in der täglichen Schulpraxis gibt es ein Problem: Schaut man sich einmal genauer an, wie ein Großteil der Schülerinnen und Schüler im Verlauf des Leseprozesses einen Text mit nur einer Farbe oder gar nicht markiert, wird deutlich, dass das Kurzzeit-/ Arbeitsgedächtnis auch in Verbindung mit einer guten Aufgabenstellung schnell stark belastet sein kann. Diese Art Texte [nicht] zu markieren könnte ein Indiz dafür sein, dass einer Vielzahl von Schülerinnen und Schülern nicht klar ist, wie das Gehirn in Bezug auf Speicherprozesse funktioniert.

Bereits seit Mitte der 50er Jahre ist in der Gedächtnis-forschung bekannt, dass das Kurzzeitgedächtnis theoretisch, also unter Laborbedingungen, eine Speicherkapazität von ungefähr sieben Informationen gleichzeitig besitzt. Im Zuge seiner Untersuchungen stellte George A. Miller schon vor rund siebzig Jahren fest, dass diese Kapazität durch Alltagseinflüsse wie Stress oder Arbeitsbelastung - und die dadurch entstehende Erschöpfung - sogar noch massiv verringert werden kann24.

 

Gerade im Zuge von G8 und der daraus resultierenden Verdichtung der Lerninhalte, sind Strategien hilfreich Lese- und Merkprozesse zu optimieren. Schon bei einem einzigen Text mit einer Länge von 300 Wörtern kann das Kurzzeitgedächtnis überfordert sein, wenn gar nicht oder nur mit einer Farbe markiert wird. Es bedarf keiner näheren Erläuterung, wie viele Informationen aktiv gespeichert werden können, wenn ein Schultag aus drei bis sieben Fächern besteht und die Methoden zur Informationsaufnahme bzw. -verarbeitung nicht professionalisiert werden.

 

Es folgt ein Beispiel, in welchem das Ampelsystem sowohl für die akute, kurzfristige Aufgabenorientierung

als auch für die längerfristige Speicherung von Inhalten genutzt wird.

Im Roman Thirteen Reasons Why von Jay Asher25 kommuniziert die Protagonistin Hannah mit ihrem Schulfreund Clay über von ihr aufgenommene Audiokassetten. Durch diese Kassetten und Hannahs subjektive Schilderung ausgewählter Ereignisse, die zu ihrem Selbstmord geführt haben sollen, erfährt Clay von Dingen, über die er zuvor nichts wusste. Die Struktur des Romans ist vom Autoren so gewählt, dass immer wieder Play-, Pause- und Stoppzeichen eingebaut werden, um Clays Reaktionen auf Hannahs Darstellungen zu schildern. Der Roman nutzt dem zur Folge eine Art passiv-dialogische Dynamik, um die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten zu portraitieren. Um diese Dynamik detailliert analysieren zu können, kann das Ampelsystem folgendermaßen eingesetzt werden:

Im Rahmen des Filters/ der Fragestellung: „Warum und wie die Schilderungen der Protagonistin ihren Schulfreund beeinflussen“, kann ein Narrativ der Geschichte mit Hilfe von inhaltlichen Gedächtnis-ankern mit der Farbe Rot exponiert werden. In diesem speziellen Fall liegt den Schilderungen Hannahs eine extreme Subjektivität zugrunde, die einen Erzählstrang der Geschichte bildet. Die von ihr aufgenommenen Kassetten dienen im Wesentlichen dazu mit einer Reihe von Mitschülern abzurechnen und diese mit-verantwortlich zu machen für ihren Selbstmord.

Die Farbe Gelb kann in der Folge eingesetzt werden, um entweder detaillierte inhaltliche Informationen zu den zuvor gebildeten Chunks zu markieren oder aber, um die Reaktionen Clays auf Hannahs Schilderungen herauszustellen.

In einem dritten Schritt kann die Farbe Grün eingesetzt werden, um Stilmittel oder Bedeutungs-zusammenhänge zu markieren, die Hannahs Schilderungen untermauern und Clay dazu bringen, Hannah zunächst uneingeschränkt zu glauben.

 

Auf diese Art und Weise wird eine aufgabenorientierte, farbliche Herausstellung der Elemente vorgenommen anhand derer die Schülerinnen und Schüler eine subjektive Beeinflussung Clays durch Hannah, sowohl inhaltlich als auch sprachlich, zunächst besser erkennen und anschließend analysieren können.

Orientiert an einem Auszug des Romans26 von Kassette 1B, lässt sich analytisch erschließen, dass Clay nicht nur durch den von Hannah geschilderten Inhalt beeinflusst wird, er greift in seiner Reaktion auf ihre Darstellungen sogar noch selbst den von Hannah sieben Mal benutzten Ausdruck `rumors´ [Gerüchte] auf.

Clay scheint an dieser Stelle überzeugt, dass Hannahs Situation maßgeblich durch Gerüchte über ihre Person und ihr Verhalten herbeigeführt wurde und schenkt ihrer subjektiven Erzählung Glauben.

 

Fügt man diese Textstelle nun mit weiteren ausgewählten Textstellen zu diesem Narrativ des Romans zusammen, kann man die roten Markierungen zum einen für eine schnelle Reaktivierung in Form des Skimmings nutzen. Zum anderen lässt sich auf deren Basis eine Mindmap erstellen, zum Beispiel zur Klausurvorbereitung.

Bei richtiger Anwendung des Prinzips des Chunkings, also maximal sieben bis neun übergeordnete Sinneinheiten zu bilden, können die Informationen nun mit Hilfe der Mindmap sukzessive vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt werden. Bezogen auf eine aufgabenbezogene Anwendung im Rahmen einer Gruppenarbeit oder Klausur zu dieser Ganzschrift, sind die Schülerinnen und Schüler in der Lage, Hannahs manipulatives Verhalten gegenüber Clay in einen größeren Zusammenhang einzubetten, da weitere Inhalte zu diesem Narrativ bereits in den Gedächtnissen der Lerngruppe verankert sind.

Durch die Kompetenzerweiterung im Rahmen der visual literacy, liefert das Ampelsystem die Grundlage den Lese- und Verstehensprozess von Texten auf zwei Ebenen zu optimieren.

Einerseits wird die Möglichkeit geschaffen, sich gefilterte Inhalte besser merken zu können. Dies gilt sowohl für den akuten, aufgabenorientierten Leseprozess als auch für die Schaffung einer Wissensgrundlage, die unter anderem für spätere Analyse- und Bewertungsprozesse genutzt werden kann.

Andererseits kann das Ampelsystem dabei helfen bestimmte Kontexte visuell herauszustellen und liefert wie im geschilderten Beispiel zu Thirteen Reasons Why eine aufgabenorientierte Analyse- und Bewertungsbasis.

 

Ampelsystem:   Anwendungsbeispiel aus dem Roman `Thirteen Reasons Why´

Bild bei NOSVOX

Abbildung 2

 

 

Annotationen

1KLP Englisch Gymnasium/ Gesamtschule NRW: 2014, S.18

2KLP Englisch Gymnasium/ Gesamtschule NRW: 2014, S.9

3Timm, J-P. Englisch lernen und lehren: 2007; S.301

4Kopp-Schmidt, et al.: Perspektiven der Kunst: 2006; S. 434

5Kopp-Schmidt, et al.: Perspektiven der Kunst: 2006; S. 434

6Grafe, S. Media Literacy und Media (Literacy) Education: 2011; S. 64

7Stiller, J in Lieber. Lehren und Lernen mit Bildern: 2008; S.277

8Miller, G. The Magical Number 7: 1955

9Foucault, M in Hall. Representation: 1997, S.44

10Hall, S. Reception Theory: 1980

11Oefner, J, et al. Fördern und Fordern: 2009, S.22

12Oefner, J, et al. Fördern und Fordern: 2009, S.24

13Hermeneutik: die Technik des Verstehens und Verstehen-Könnens

14Kuhl, J. Persönlichkeitsorientierte Psychotherapie: 2008; S. 31

15www.kommdesign, Die magische Zahl 7: 14.07.2018; S. 3

16van Dijk & Knitsch in Schmitz, A: 1983; S. 190

17Miller, G. The Magical Number 7: 1955

18Birbaumer & Schmidt auf www.damirdelmonte.de: 15.10.2019, 14:57

19Markowitsch & Welzer auf www.damirdelmonte.de: 15.10.2019, 14:25

20Weaver & Kintsch in Schmitz, A: 1991; S. 233

21Precht, R. in `Der philosophische Stammtisch´: 2019; 00:14:32

22Klingberg & McNab, Prefrontal cortex and basal ganglia control access to working memory: 2008; S.103-107

23Turner, M. Is working memory capacity task dependent?: 1989; S. 127-154

24www.kommdesign, Die magische Zahl 7: 14.07.2018; S. 4

25Asher, J. Thirteen Reasons Why: 2007

26Asher, J: Thirteen Reasons Why: 2007; S. 60-61

 

 

 

Abbildungen

Abbildung 1:   PSI-Modell: Schematische Darstellung zur Handlungssteuerung des Menschen

Bild bei NOSVOX

 

Abbildung 2:   Ampelsystem [Anwendungsbeispiel aus dem Roman `Thirteen Reasons Why´]

Bild bei NOSVOX

 

 

 

Literaturverzeichnis

Bild bei NOSVOX

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Kommentare  

+1 #4 NOSVOX 2020-07-19 14:26
Hallo Herr Bollermann,

wir haben die Formatierung angepasst!


Schönen Gruß
Team NOSVOX
0 #3 Björn Bollermann 2020-07-14 12:56
Liebes NOSVOX-Team,

vielen Dank für die technische Bearbeitung des Artikels! Beim Einstellen meines nächsten Beitrages werde ich darauf achten, die Bilder direkt an der richtigen Stelle einzufügen und diese nachträglich nicht mehr zu verschieben.

Eine Bitte hätte ich allerdings noch... Als ich den Artikel inklusive Bildern eingestellt habe, war dieser im Blocksatz formatiert und der Überschrift-Zusatz war mittig. Nach der technischen Bearbeitung ihrerseits war dies nicht mehr der Fall. Könnten Sie die ursprüngliche Formatierung wieder herstellen?

Vielen Dank für ihre Mühe und beste Grüße,
Björn Bollermann
0 #2 NOSVOX 2020-07-13 21:57
Hallo Herr Bollermann,

wir haben den Artikel technisch überarbeitet und nun funktionieren die Bilder.
Das Problem kann auftreten, wenn Bilder nach dem Einfügen noch manuell innerhalb des Artikel verschoben werden.

Wir haben den alten Artikel gelöscht und den Alias Ihres neuen Artikel auch entsprechend angepasst.

Und nicht vergessen: Den Artikel gerne in den Sozialen Medien teilen und weiterempfehlen, das erhöht die Reichweite!


Schönen Gruß
Team NOSVOX
0 #1 Björn Bollermann 2020-07-13 15:17
Liebes NOSVOX-Team,

entsprechend ihres freundlichen Angebotes habe ich den Artikel nun noch einmal eingestellt; inklusive Abbildungen und Literaturverzeichnis.

Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum sich Abbildungen teilweise so wie von ihnen in ihrer letzten Antwort beschrieben zoomen lassen und einige nicht. Ich habe zunächst gedacht, dass es am Format liegt. Aber nachdem der Artikel nun online steht, kann ich Abbildung 2 im Abbildungsverzeichnis zommen, im Artikel selbst allerdings nicht. Abbildung 1 lässt sich weder im Artikel noch im Verzeichnis zommen. Es handelt sich um eine PNG-Datei.

Beim erneuten Hochladen des Artikels wurde ich aufgrund des gleichen Titels darauf hingewiesen, dass ich mich an die Administration wenden soll, damit der Titelzusatz, der durch die erneute Einstellung hinzugefügt wurde, wieder entfernt wird.

Danke für ihre Mühe und beste Grüße,
Björn Bollermann

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